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Ukraine-Teilung – Aufstand der Massen – Henri Dunant – Kultur der Überbürokratisierung – Open Summit Programm

Die Adelsrepublik Polen-Litauen war seit ihrer Entstehung 1569 ein Leuchtturm der Freiheit mitten in Europa. Wenig überraschend aber auch ein Ort, der Begehrlichkeiten weckte.

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Photo: Wikimedia Commons (CC 0)

Droht die Erste Ukrainische Teilung?

Die Adelsrepublik Polen-Litauen war seit ihrer Entstehung 1569 ein Leuchtturm der Freiheit mitten in Europa. Wenig überraschend aber auch ein Ort, der Begehrlichkeiten weckte. Nachdem das bemerkenswert tolerante, rechtsstaatliche und demokratische Gemeinwesen bereits geschwächt worden war, griffen die Nachbarn im Jahr 1772 zu: Friedrich II. von Preußen, Katharina II. von Russland und Joseph II. von Österreich genehmigten sich rund 30 Prozent des Staatsgebiets. Großmannssüchtige Großmächte zermalmten ein freiheitliches Juwel in ihrer Mitte, bis es 1795 komplett ausgelöscht wurde.

Derzeit bahnt sich auch ein Treffen von Großmachtssehnsüchtigen an: Putin und Trump wollen über das Schicksal der Ukraine verhandeln und auch diesem Land droht eine Teilung. Dass es – falls es bei dieser Gelegenheit oder in deren Folge – die Krim verlieren wird, ist fast ausgemacht. Die derzeit besetzten Gebiete im Südosten des Landes stehen gewiss auch zur Disposition. Alles in allem ist derzeit rund ein Fünftel der Ukraine russisch besetzt. Trump wird das Gebiet mit einem Achselzucken aufgeben, wenn der Preis stimmt.

Die Parallelen von Putin und den Gewaltherrschern von 1772 sind nicht von der Hand zu weisen: Nach der zweiten Teilung im Jahr 1793 ließ Katharina eine Gedenkmünze prägen mit der Umschrift: „Entrissenes zurückgebracht“. Die von Putin verehrte Zarin hatte ein übergeordnetes Ziel bei ihrem Vorhaben: Russland sollte der europäische Hegemon werden; politisch-militärisch und kulturell. Auch Kaiser Joseph und insbesondere der viel verklärte preußisches König Friedrich waren angetrieben von einem beinahe missionarischen Eifer die Welt mit ihren vorgeblich aufgeklärten Ideen zu beglücken. Es war – nach den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts – die zweite, nunmehr säkularisierte Welle der ideengetriebenen Machtpolitik. Weder Zarin, noch Kaiser noch König waren reine Zyniker oder Egomanen. Sie wollten der Welt ihren Stempel aufdrücken. So wie Putin

Anders als bei der Teilung Polens ist mit Trump freilich ein Akteur auf der Bühne, der keine große Idee oder Vision hat; dessen Großmachtfantasien keineswegs angetrieben sind davon, der Welt den „richtigen“ Stempel aufzudrücken (wie das seine Vorgänger von Woodrow Wilson über Ronald Reagan bis zu George W. Bush getan hatten). Seine Träume sind nur auf ihn selbst bezogen: er als der Friedensbringer, er als der Dealmaker, er als derjenige, der sie alle in die Knie zwingt. Diese Ungleichheit könnte sein Kontrahent hemmungslos ausnutzen. Trump will den Glanz der Stunde. Putin will Russki Mir ausweiten. Am Ende könnte die Ukraine so schlecht dastehen wie das Land der „Goldenen Freiheit“ im späten 18. Jahrhundert.

AUSBLICK

Buchempfehlung „Der Aufstand der Massen“ von José Ortega y Gasset

Manchen Autoren gelingt das Kunststück, in der Beschreibung ihrer Zeit etwas zu formulieren, das auch nachfolgenden Generationen höchst plausibel erscheint. Die Psychologie der Macht etwa, die der griechische Historiker Thukydides im 5. Jahrhundert vor Christus in seiner Nacherzählung der Ursachen des Peloponnesischen Krieges entfaltete, kann heute noch faszinieren. Der spanische Intellektuelle José Ortega y Gasset (1883-1955) kann zwar nicht ganz mit der Wucht des Urvaters der Geschichtsschreibung mithalten, hat aber mit seinem Buch „Der Aufstand der Massen“ aus dem Jahr 1929 doch einen erschreckend zeitlosen Klassiker präsentiert. Neben Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ und Hayeks „Der Weg zur Knechtschaft“ ist dieses knappe, essayistisch gehaltene Büchlein das wichtigste liberale Schlüsselwerk zu den ideologischen Totalkatastrophen des 20. Jahrhunderts. Alles, was auch heute noch relevant ist, kommt in seiner durch die Beobachtung der Weimarer und der Spanischen Republiken geschärften Streitschrift vor: Populismus, Identitätspolitik, Elitenversagen, Fake News, Egomanie …

Sehr treffend schreibt er in dem Buch: „Wer sich von der Strömung eines günstigen Laufs der Ereignisse forttreiben lässt, unempfindlich gegen die Gefahr und Drohung, die noch in der heitersten Stunde lauern, versagt vor der Verantwortung, zu der er berufen ist. Heute wird es notwendig, in denen, die sie fühlen können, eine Überempfindlichkeit für Verantwortung zu wecken.“ Das Werk ist hochaktuell und dringend lesenswert!

WELTBEWEGER

Photo: Photo: Wikimedia Commons (CC 0)

Henri Dunant

Der Schweizer Geschäftsmann Henri Dunant (1828-1910) gründete nach seinen Erfahrungen am Rande des Schlachtfeldes von Solferino in den frühen 1860er Jahren mit einigen Mitstreitern zusammen das Rote Kreuz. Damit gab er Anstoß zu einem der größten humanitären Projekte aller Zeiten. Ganz entscheidend war für Dunant das Verhalten der Frauen in den Ortschaften um das Schlachtfeld gewesen, die jeden Verwundeten versorgten unter der lakonischen Feststellung: „tutti fratelli“ – „alles Brüder“. Gerade in politisierten Zeiten wie den unseren ist diese Erinnerung besonders wichtig: sich vom Leid anderer anrühren zu lassen. Alles Geschwister: die perspektivlosen Industriearbeiter in Virginia wie die Hilfsbedürftigen in Eritrea; das in Seenot befindliche Kind im Mittelmeer wie die einsame alte Frau in Nord-Brandenburg; die Geisel in den Tunneln unter Gaza wie die verzweifelten Menschen darüber. Allzu oft glauben wir, Leben gewichten oder werten zu müssen entlang politischer oder ideologischer Linien. Gerade dem Liberalismus in seinen Glanzzeiten war dieser

MITSTREITER

Studie der Stiftung Familienunternehmen: Kulturelle Ursachen der Überbürokratisierung

Die Stiftung Familienunternehmen hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, die sich mit der Bürokratieproblematik beschäftigt. Dabei kam sie auf durchaus ungewöhnliche Ergebnisse, die auch weite verbreitete Narrative einmal heraufordern. So zeigt die Autorin Prof. Nathalie Behnke von der Universität Darmstadt auch auf, dass Bürokratieabbau nicht selten dazu führt, dass neue Bürokratie entsteht. Besonders sympathisch und dann wiederum sehr einleuchtend ist der Vergleich zwischen der „kontinentaleuropäischen Rechtsstaatskultur“ und der angelsächsischen „public-interest-Kultur.

Heimat der Freiheit

Das Open Summit Programm nimmt Gestalt an

Der Open Summit rückt immer näher! In sieben Wochen ist es soweit und das Programm steht schon fast vollständig. Wir haben eine ganze Reihe von jungen ambitionierten Talenten gewinnen können, die ihren Blick auf die Welt mit uns teilen wollen: Lolita Deriabina spricht aus ihrer Perspektive als Deutsch-Dozentin über Integration und Bürokratie. Anna Neumann, die gerade ihre Kandidatur für den Bundesvorsitz der Jungen Liberalen angekündigt hat, nimmt das Schlachtfeld Internet in den Blick – womöglich dann ganz frisch gewählt im Amt. Karen Rudolph hat Dramatisches über die Rentenpolitik zu berichten während Max Zombek und Benedikt Schmal zeigen, wie man liberale Überzeugungen ganz handfest auf die Straße bekommt. Jetzt schon Tickets sichern und anmelden unter: