Bastiat meets Claude – Alles Gesagt – Stefan Zweig – taz lab 2026
- by Josef
Der Gegensatz von dem, was man sieht, und dem, was man nicht sieht: Wie deutlich wissen wir darum, wenn es um staatliches Handeln geht. Aber die Lektion, dass Absichten oft gegenteilige Folgen zeitigen, ist nicht auf den Staat beschränkt. Menschen gestalten zum Beispiel auch die digitale Welt – ganz häufig mit völlig ungeplanten Ergebnissen. Die Kluft zwischen Absicht und Resultat sollten wir im Kopf behalten: Nicht nur beim Staat, sondern bei allen Formen menschlichen Handelns.
ANSICHT
Bastiat meets Claude
Der Gegensatz von dem, was man sieht, und dem, was man nicht sieht: Wie deutlich wissen wir darum, wenn es um staatliches Handeln geht. Nicht mehr als die erste Woche eines guten VWL-Studiums hätte es gebraucht, um zu wissen, dass die Tankpreise wohl nicht sinken werden, wenn man deren Anpassung auf 12 Uhr beschränkt, und dass stattdessen eine Menge Unbeabsichtigtes passiert. Geht es um den Staat, sind wir vor unbeabsichtigten Folgen stets gewarnt.
Aber die Lektion, dass Absichten meist unbeabsichtigte, häufig unerwünschte und oft gegenteilige Folgen zeitigen, ist leider nicht auf den Staat beschränkt. Denn auch in ihm handeln stets nur Menschen, und die handeln eben auch in anderen Kontexten. Zum Beispiel gestalten sie die digitale Welt. Und genauso, wie das Gestalten der physischen Welt am Reißbrett nicht zu empfehlen ist, geht das auch im Digitalen schief. Das müssen wir im Sinn haben, wenn wir einen guten Umgang mit den Veränderungen finden wollen, die das menschliche Leben in den letzten 30 Jahren erfahren hat.
Ich persönlich bin dabei zwiegespalten. Mit Begeisterung erfreue ich mich seit einigen Wochen der ungeahnten Möglichkeiten von Claude, dem KI-Modell von Anthropic. Die lästigen Aufgaben der Vergangenheit – doppelseitige PDFs in einseitige zu verwandeln, Personen aus Bildern auszuschneiden, Texte auf Rechtschreibung zu überprüfen – lassen sich ebenso gut (und besser!) erledigen, in nur wenigen Minuten. Das gilt auch für mehr: Beratung bei der Literaturauswahl, Texte und Ideen, auf die man sonst nicht gestoßen wäre. Für alle, die mehr wissen und mehr verstehen wollen, ist diese Entwicklung eine Bereicherung.
Und doch weiß ich auch, dass die Folgen digitaler Entwicklungen oft unbeabsichtigt sind. Niemand hatte je geplant, dass die Plattform, auf der man die Freunde von Freunden nachschlagen konnte, einmal unter dem Namen Meta das Leben von Milliarden Menschen um viele Stunden ärmer machen würde. Auch das iPhone wurde vorgestellt und beworben als Musikplayer, der auch telefonieren kann – fast hätte Steve Jobs verhindert, dass sich Apps überhaupt installieren lassen. Dass wir wenige Jahre später im Schnitt rund 21 Stunden die Woche mit diesem Gerät verbringen würden: das Ergebnis von human action, but not human design. Das sollten wir im Kopf behalten, wenn wir um den richtigen Umgang ringen, nicht nur beim Staat, sondern bei allen Formen menschlichen Handelns.
AUSBLICK
Podcast-Empfehlung: „Alles Gesagt“
Seit sechs Jahren schon höre ich einen Podcast der ZEIT mit einem einfachen Konzept: Er hört nicht auf, solange der Gast noch etwas zu sagen hat. Ein wenig angelegt wie Zur Person von Günter Gaus, der legendären Sendung im ZDF mit Gästen wie Ludwig Erhard, Rudi Dutschke oder Hannah Arendt, will auch Alles Gesagt uns die Person näherbringen. Für mich ist das Zuhören hier eine liberale Übung. Eine der liberalen Tugenden ist es ja, dem Gegenüber zuzuhören und seine Sicht der Dinge zu verstehen. Egal ob Alice Schwarzer, Luisa Neubauer oder Christian Lindner: Durch die lange Unterhaltung werden Entscheidungen und Positionen verständlich, vor denen man zuvor eher ratlos stand. Alles verstehen heißt nicht alles entschuldigen; aber schön, dass man auf diese Weise mehr verstehen kann.
WELTBEWEGER
Stefan Zweig
Wer den Liberalismus nicht nur als politische Lehre, sondern auch als Lebensform verstehen will, kommt an Stefan Zweig (1881-1942) nicht vorbei. Geboren in Wien, aufgewachsen in der habsburgischen Welt, die er später einmal das „goldene Zeitalter der Sicherheit” nennen sollte, wurde er zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren seiner Zeit. Seine Novellen, seine literarischen Biographien von Erasmus bis Magellan, seine Freundschaften mit Rolland, Freud und Rilke machten ihn zum Botschafter eines Europas der Verständigung. Politisch war er das, was man heute einen Liberalen alter Schule nennen könnte: Pazifist und Kosmopolit, überzeugt davon, dass Bildung und Austausch die Menschen über die Grenzen ihrer Herkunft heben.
Mit dem Exil ging diese Welt dann verloren. 1934 trieben ihn die Nazis aus Salzburg, 1941 endgültig aus Europa. In Petrópolis, nördlich von Rio, schrieb er Die Welt von Gestern fertig, das Buch, in dem er seinem untergegangenen Europa noch einmal Gestalt gab. Es sind nicht bloß Memoiren, sondern das Vermächtnis eines Liberalismus der schönen Manieren, der gemeinsamen Sprache, der Verständigung über Grenzen hinweg. Was Zweig beschreibt, ist gerade nicht der politische Liberalismus von Parteien oder Programmen, sondern eine Lebensform: Kaffeehäuser, Briefwechsel, Übersetzungen, Reisen ohne Pass.
MITSTREITER
based. beim taz lab 2026
Unsere Freunde vom Podcast based. sind ja gerne lagerunabhängig unterwegs mit ihren Gästen. Nächsten Samstag, den 25. April, sind sie ihrerseits auch zu Gast, nämlich mit einer Live-Aufnahme beim taz lab, dem großen Jahreskongress der taz. Sie werden mit Ulf Poschardt die Frage erörtern: „Was willst du kaputt machen?“ Natürlich geht es auch um seine These vom „Shitbürgertum“, aber aufmerksame Zuhörer werden sicher auch schon erste Konturen seines nächsten Aufschlags heraushören können, der im Juni mit dem Titel „Bückbürgertum“ erscheinen wird. Man kann in Berlin vorbeikommen oder sich im Live-Stream dazu schalten – neben Dominik, Benni und Ulf Poschardt gibt es noch viele andere interessante Gäste.