Tennisgate – The Madness of King George – Wolf Jobst Siedler
- by Josef
Die dauernde Personalisierung von politischer Kritik erodiert zunehmend die Gesellschaft und die freiheitlich-demokratische Ordnung. Politisch können gigantische Skandale passieren, die fast unbemerkt bleiben, während ein Flut-Lachen oder ein Stromausfall-Tennisspiel allenthalben Fassungslosigkeit, Entsetzen und oft auch puren Hass hervorbringen. Wir sollten uns auf harten und fundierten Streit auf der Sachebene konzentrieren. Populisten hassen diesen Trick!
ANSICHT
Berliner Tennisgate
Berlin, Anfang Januar 2026: Hunderttausende saßen in Dunkel und Kälte, und währenddessen spielte der Bürgermeister Tennis. Schon ist die Aufregung genau da, wo sie hingehört – zumindest in der Kalkulation mancher Akteure. Es ist fast genauso wie bei dem fatalen Scherzen von Armin Laschet mit engagierten Helfern bei der Ahr-Flut, die vielleicht auch einfach mal kurz durchatmen wollten: Wenn die Katastrophe da ist, erwartet die mediale Geiermeute, dass Politiker bis zum Abschluss des Notstands die Miene und den Habitus eines Bestattungsunternehmers annehmen. Ausnahmslos. Jedes Zucken in den Mundwinkeln, jedes Pausieren zum Durchatmen ist ein klares Zeichen, dass sie die Nöte ihrer Bürger nicht ernst nehmen.
Die Aufregung ist da, wo sie in der Kalkulation mancher hingehört: auf der Ebene des Persönlichen. Nicht die mangelhafte Resilienz und der fehlende Schutz von Infrastruktur wird skandalisiert. Nicht die menschenverachtende Terrortat. Von positiver Aufregung ganz zu schweigen: Der phänomenale Einsatz von THW, Feuerwehr, Polizei und Heerscharen von Freiwilligen findet deutlich weniger Platz in der öffentlichen Aufmerksamkeit als die sportliche Pause des Regierenden Bürgermeisters.
Wem nutzt diese Verschiebung des Diskussionsfokus? Den „Systemkritikern“. Also denen, die nicht an Verbesserungen interessiert sind, sondern an Zerstörung. Das sind Politiker von AfD und BSW. Das sind aber ganz besonders die Feinde unseres Landes in Moskau, Peking, Teheran und Co.
Die dauernde Personalisierung von politischer Kritik erodiert zunehmend die Gesellschaft und die freiheitlich-demokratische Ordnung. (Kleiner Hinweis an dieser Stelle: Mit Hausdurchsuchungen zu reagieren, ist kontraproduktiv, peinlich und auch irgendwo schäbig.) Ein häufiger Kritikpunkt an Annalena Baerbock richtete sich auf den Klang ihrer Stimme. Robert Habeck wirft Markus Söder sein „fetischhaftes Wurstgefresse“ vor. Julia Klöckner muss sich für den Besuch von Sommerfesten rechtfertigen und Ricarda Langs aktuelles Gewicht bindet seit Jahren erhebliche Aufmerksamkeit.
Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass Bürger sich nicht mit den Inhalten und Auswirkungen von Politik beschäftigen, sondern mit dem vermeintlichen Charakter der Politiker. Politisch können gigantische Skandale passieren, die fast unbemerkt bleiben, während das Flut-Lachen oder das Stromausfall-Tennisspiel allenthalben Fassungslosigkeit, Entsetzen und oft auch puren Hass hervorbringen. Die schäbige Rentenpolitik, mit der die junge Generation erdrückt wird, bekommt deutlich weniger Aufmerksamkeit. Auch die mangelnde Verteidigungsfähigkeit regt Leute weniger auf als Wegners Fitness-Stunde.
Währenddessen knallen mal wieder die geraubten Krimsektkorken in Moskau. Politiker werden nicht mehr als in der Regel ernsthaft bemühte Menschen wahrgenommen, die man in der Sache hart angehen kann, denen man Täuschung, Inkompetenz oder Verblendung vorwerfen kann. Alles nicht schöne Vorwürfe, aber solche, die man an Sachentscheidungen festmachen kann. Politiker erscheinen stattdessen als bewusst verantwortungslose Menschen, denen ihre Aufgabe und das Wohl der Bürger völlig egal sind. Eine abgehobene Elite von Zynikern, die Teil eines offensichtlich korrupten Systems sind.
Das sind die Sollbruchstellen, an denen die Feinde der offenen Gesellschaft, der offenen Welt!, ansetzen: Sie wollen, dass wir uns zerstreiten und zerfleischen. Nicht auf der Sachebene, da, wo es um Lösungsvorschläge geht; wo man hart kämpft, damit es besser wird. Sondern auf der persönlichen Ebene, dort, wo Ressentiments und Hass entstehen, wo die Gräben zwischen den Menschen immer tiefer werden und das Gefühl immer bitterer. Denn der Streit auf dieser Ebene erschwert oder verunmöglicht Lösungen auf der Sachebene.
Lassen wir Wegner sein Tennis, Laschet sein Lachen, Söder seine Wurst und Baerbock ihre Stimme und konzentrieren wir uns stattdessen auf klaren, harten und fundierten Streit auf der Sachebene. Populisten hassen diesen Trick … und Russen erst recht.
AUSBLICK
Film-Empfehlung: „The Madness of King George”
In diesem Jahr begehen die Vereinigten Staaten ihren 250. Geburtstag. Als anglophiler Mensch befinde ich mich beim Thema der amerikanischen Unabhängigkeit immer ein bisschen in der Zwickmühle: Ich schätze, wie etwa auch der große liberale Essayist Edmund Burke, die Impulse und Ideale der Revolutionäre. Aber ich sehe auch, wie wertvoll die bisweilen weniger pathetische, dafür aber mitunter ernsthaftere freiheitliche Tradition im britischen „Mutterland“ war: Wo im selben Jahr Adam Smiths „Wohlstand der Nationen“ erschien; wo sich in den kommenden Jahrzehnten die wichtigsten Bewegungen gegen Sklaverei und Massenverelendung, für Freihandel und Frauenrechte herausbilden sollten.
„The Madness of King George“ des britischen Regisseurs Nicholas Hytner ist ein auch 30 Jahre nach Erscheinen kaum gealterter Film, der in der Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges spielt. Er dreht sich um König Georg III, der von 1760 bis 1820 auf dem britischen Thron saß und in seiner langen Regentschaft von sporadischen Phasen der geistigen Umnachtung heimgesucht war. Wie ein unkonventioneller und hemdsärmeliger Arzt im hartnäckigen Widerstand gegen die absolutistischen Hofschranzen und den ambitioniert-verschlagenen Kronprinzen den psychisch Kranken wieder zurück ins Leben holt, ist ein ganz großes Spektakel des feinen britischen Humors, getragen von herausragenden Schauspielern.
WELTBEWEGER
Wolf Jobst Siedler (1926-2013)
Morgen, am 17. Januar, wäre Wolf Jobst Siedler 100 Jahre alt geworden. Siedler war ein ungewöhnliches Exemplar der Generation von Nachkriegsintellektuellen in Deutschland. Er stellte den bürgerlichen Lebensentwurf des 19. Jahrhunderts in seinen vielen Facetten unapologetisch der Nachwelt vor Augen als eine goldene Zeit der Rechtschaffenheit, deren Licht durch die Barbareien des 20. Jahrhunderts brutal und womöglich für immer ausgelöscht wurde. Sein Blick auf diese Zeit ist nicht nur beschreibend wie etwa bei Thomas Nipperdey oder bei Lothar Gall, sondern immer begleitet von einer feierlichen Rührung.
Diesen durch und durch konservativen Menschen trennen freilich Welten von denjenigen, die heute Anspruch darauf erheben, die konservative Fahne hochzuhalten. Er war neugierig, menschenfreundlich, heiter und von jener gelassenen Grundskepsis, die viele sich aneignen, die tief in die Geistesgeschichte der Menschheit eintauchen. Die bürgerlichen Tugenden, die ihm so wichtig waren, beschrieb er in einem Gespräch mit Frank A. Meyer und Joachim Fest („Der lange Abschied vom Bürgertum“) im Jahr 2005 mit folgenden Worten, die zeigen, welche Abgründe zwischen ihm und dem aggressiven Populismus der Gegenwart liegen: „Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein, Gesetzestreue und was man geradezu als den Inbegriff bürgerlicher Tugenden bezeichnet – Staatsernst, also die Auffassung, dass es zu den Verrichtungen eines ordentlichen Lebens gehöre, ein guter Staatsbürger zu sein.“