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Open Axis Launch – Dilara Wiemann – “Herbst der Reformen” – David Chichkan – Zauberberg

Der sogenannte „Wirtschaftsflügel“ der CDU wurde und wird in den Koalitionsverhandlungen und im Regierungsalltag der schwarz-roten Koalition ausgenommen wie eine Weihnachtsgans – oder wie die deutschen Steuerzahlenden …

ANSICHT

Photo: Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP) (CC BY-SA 3.0 DE)

Merz' "Herbst der Reformen" braucht Flankenschutz

Der sogenannte „Wirtschaftsflügel“ der CDU wurde und wird in den Koalitionsverhandlungen und im Regierungsalltag der schwarz-roten Koalition ausgenommen wie eine Weihnachtsgans – oder wie die deutschen Steuerzahlenden … Die Sozialdemokratie und die Rentensozialisten der Söder-CSU nehmen Merz seit Monaten in die Zange: Der Preis für sein Bemühen, die AfD am Wachsen zu hindern und in der Geopolitik Kurs zu halten, ist, dass er fast im Monatsrhythmus Rechnungen serviert bekommt, die vom Konto der Marktwirtschaftler abgehen. Seine Verhandlungsmacht gegenüber den Sozialdemokraten von SPD und CSU wird massiv dadurch eingeschränkt, dass aus dem „Wirtschaftsflügel“ seiner Partei (vom Stern noch Anfang des Jahres als „so mächtig wie seit Jahrzehnten nicht“ angekündigt) fast dröhnendes Schweigen zu vernehmen ist, sieht man ab vom gelegentlichen Aufheulen der Jungen Union ab.

Um aber im „Herbst der Reformen“ auch nur irgendwie Gelände gewinnen zu können, müssten jetzt die entsprechenden Unionspolitiker aus vollen Rohren feuern und Maximalforderungen am Fließband produzieren. Die Sozialdemokraten machen es vor: da läuft bereits seit Monaten die PR-Maschine, die vor dem sozialen Kahlschlag warnt. Bei dem erheblich größeren Koalitionspartner hingegen hat man den Eindruck, dass sie ihr Pulver in der stümperhaft geführten Verfassungsrichter-Debatte komplett verschossen hätten. Die Union sollte jetzt auf Attacke umstellen, sonst werden sie von den Sozialdemokraten wieder über den Tisch gezogen wie schon 2005, 2013 und 2017.

AUSBLICK

Hörbuchempfehlung „Der Zauberberg“ von Thomas Mann

Ich war ein eigenartiger Teenager und las schon mit sehr jungen Jahren den Zauberberg. Geschadet hat mir das nicht, höchstens insofern als ich dann mehrere Monate (wenn nicht Jahre) meine Lehrer damit belastete, dass ich meinen Schreibstil an Thomas Mann anzupassen versuchte. Das Buch ist – bei all seinem Umfang, wenn nicht gar wegen seines Umfangs – natürlich eines, das man sich auch zwei oder gar drei Mal zu Gemüte führen kann. Aber wer hat die Zeit dazu? Ich jedenfalls hab das erstmal nicht gesehen … Doch dann kam mir die Idee, mir bei meinen sommerlichen Wanderungen in den Alpen Thomas Mann als Begleiter zu nehmen – in Hörbuchform. Und jetzt bin ich schon größtenteils durch. Genossen hab ich es wieder sehr!

Man startet in den luftigen Höhen der Berge bei Davos mit dem harmlosen Hans Castorp zu Rundflügen, die in die Weiten und Tiefen der europäischen Geistesgeschichte führen. Zugleich kann man sich immer wieder ausruhen auf den Ironieinseln, die das ewige Spottmaul Thomas Mann wunderbar über das ganze Buch verteilt. Grimmiges Vergnügen hat es mir bereitet, die Auslassungen der russischen Kurgästin Madame Chauchat zu den Deutschen hören: „Vous aimez l’ordre mieux que la liberté, tout l’Europe le sait.“ – „Ihr liebt eure Ordnung mehr als die Freiheit, das weiß ganz Europa.“ Für mich hat sich diese Wiederbegegnung sehr gelohnt!

WELTBEWEGER

David Chichkan

Hartnäckig hält sich das propagandistisch erzeugte Gerücht, dass in der Ukraine Kräfte am Werk seien, die in der Tradition der Nationalisten und Faschisten stünden, die sich zwischen den 20er und 50er Jahren mit den Kommunisten um die Herrschaft im Land stritten. David Chichkan (1986-2025) ist ein Kronzeuge dafür, dass diese Darstellung eine groteske Lüge ist. Der Künstler und Aktivist ist am 10. August an der Front im Südosten der Ukraine gefallen. Seine Kunst entwickelte er autodidaktisch und in engem Zusammenhang mit seinen politischen Überzeugungen. Diese speisten sich aus den Traditionen des osteuropäischen und in seinem Fall natürlich besonders des ukrainischen Anarchismus.

Seine Vision einer herrschaftsfreien Welt ließ ihn mit besonderer Unerbittlichkeit auf die auch gegenwärtigen nationalistischen Exzesse blicken. Er machte es sich zu einer Lebensaufgabe, der Ukraine von innen einen Spiegel entgegenzuhalten. Die Maidan-Revolution hatte eben auch Ultranationalisten erstarken lassen, und das Entsetzen über den russischen Imperialismus manchen ukrainischen Chauvinismus geweckt. Die Folge von Chichkans Aufklärungsarbeit war beispielloser Hass von Seiten rechtsextremer Aktivisten, der sich oft auch in Zerstörungswut ausdrückte.

Aber die Ukraine war auch in seinen kritischen Augen vor allem ein Land, in dem Freiheit eine Chance hatte. Als Russland die volle Invasion begann, war darum für Chichkan klar, dass sein Einsatz gefragt war: im letzten Sommer schloss er sich der ukrainischen Armee an. Der imperialistischen Bedrohung galt es sich entgegenzustellen; Seite an Seite mit seinen Kameraden und Überzeugungsgenossen. In diesem Kampf gegen die Mächtigen und die Gewalttätigen, für eine freie Gesellschaft freier Menschen ließ er sein Leben.

MITSTREITER

Vier neue Stimmen für die Freiheit: Open Axis

Damit man sich für Freiheit begeistern kann, sie lieben kann, braucht diese abstrakte Idee konkrete Gesichter und individuelle Stimmen. Mit dem Start von Open Axis in dieser Woche treten vier solche Gesichter an die größere Öffentlichkeit. Liebenswerte Gesichter für eine liebenswerte Idee! Open Axis will den Meinungsmarkt von YouTube Deutschland liberal aufmischen. Der Kanal geht mit vier Formaten an den Start, jede Woche gibt es ein neues Video der Reihen „Grundsätze“, „Markt x Moral“, „Weltanschauung“ und „Realpolitik“.

Die Presenter sind allesamt liebe Freunde des Hauses: Alexander Kobuss war Research Fellow von Prometheus, Justus Enninga ist ja ohnehin Teil des Inventars und Sven Gerst ist auch fester Bestandteil des Prometheus-Universums: demnächst zum Beispiel als Speaker bei unserem Open Summit. Wir freuen uns riesig auf das Projekt, das so dringend nötig ist!

Heimat der Freiheit

Dilara Wiemann wird Senior Fellow

Seit Mai 2021 gehörte sie an wesentlichen Stellen zu unserem Team: Dilara Wiemann, die damals die Stelle als Head of Organisation antrat. Bei einem Spaziergang im verschneiten Berliner Tiergarten unter den Corona-Restriktionen hatte sie sich im Winter 2020/21 dafür begeistern lassen, mitzuwirken am Aufbau von Prometheus, der damals gerade richtig Fahrt aufnahm. Mit freundlich-bestimmter Hand brachte sie Ordnung und Struktur ins Haus, strahlte dabei aber immer so viel Herzenswärme aus, dass auch die härtesten Anpassungen noch gerne umgesetzt wurden. Im Herbst 2023 übergab sie das Ruder des hervorragend bestellten Schiffes an Fjoralba Ago, die sie noch selber für diese Stelle akquiriert hatte – ein absoluter Meisterstreich! Fortan kümmerte sie sich hingebungsvoll um unsere Research Fellows auf deren ersten Schritten ins Akademische.

Ab diesem Monat ist sie in die Reihe unserer Senior Fellows gewechselt und wird uns in dieser Kapazität zum Glück als Mitglied der engeren Prometheus-Familie erhalten bleiben – mit Rat und Tat, mit Hirn und Herz! Ein gigantisches Dankeschön an unsere sehr liebe Dilara und ein herzliches Willkommen im neuen Stand!