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Misstrauen gegenüber dem Menschen – Sigmund Freud – Margaret Douglass – Taverne im neuen Gewand

Da ist sie wieder. Die eingeschlafene Debatte um Gender-Sprache wurde mit einem Knall aufgeweckt, nachdem Kulturstaatsminister Wolfram Weimer entschied, dass man sich in seinem Ministerium an den „Regeln der deutschen Sprache“ orientieren müsse, und zudem die Empfehlung aussprach, dass staatlich geförderte Institutionen ebenfalls aufs Gendern verzichten sollten. 

ANSICHT

Photo: Wikimedia Commons (CC 0)

Misstrauen gegenüber dem Menschen

Autoritäre Weltanschauungen gehen meist von einem negativen Menschenbild aus. Thomas Hobbes‘ absolutistische Staatsidee gründete in einem argen Misstrauen gegenüber dem Menschen in Freiheit. Laut Hobbes seien Menschen im anarchistischen „Naturzustand“ allesamt egoistisch und gewalttätig, sie „scheuen keine Gewalt, sich Frau, Kind und Vieh eines anderen zu unterwerfen […] das Geraubte zu verteidigen […] sich zu rächen für Belanglosigkeiten wie ein Wort, ein Lächeln, einen Widerspruch oder irgendein anderes Zeichen der Geringschätzung“.  Darum müsse man sie durch einen starken Staat reglementieren, Vergehen streng bestrafen, und ihnen allgemein wenig Freiheit lassen.

Hobbes mag vielleicht ein Extrembeispiel sein, aber Misstrauen gegenüber dem freien Menschen findet sich in vielen philosophischen Traditionen wieder. So trägt ein ganzes Kapitel von Johannes Calvins Hauptwerk Institutio Christianae Religionis den schönen Titel: „Aus der verderbten Natur der Menschen kommt nichts als Verdammliches“. Interessant, dass ausgerechnet dieser pessimistische Calvinismus als Wegbereiter für die freie Marktwirtschaft gilt.

Das Menschenbild, das ich seit meinem Praktikumsbeginn bei Prometheus erleben darf, ist vom genauen Gegenteil – einem sehr optimistischen Vertrauen – geprägt. Prometheus streitet für möglichst wenig Vorschriften und Regeln, eben aus dem Vertrauen heraus, dass Menschen am besten selbst wüssten, was sie mit ihrem Leben anzufangen hätten.

AUSBLICK

Buchempfehlung – Die Zukunft einer Illusion von Sigmund Freud

Sigmund Freud stand in dieser Vertrauensfrage eindeutig auf Hobbes‘ Seite. War doch laut Freud der Mensch zu sehr Spielball unbewusster Triebe, die von unserem schwachen, rationalen Bewusstsein zu selten kontrolliert werden könnten. Dennoch entwickelte Freud in Die Zukunft einer Illusion (1927) eine hoffnungsvolle Utopie. Wenn die Menschen nur genügend (richtige) Bildung erfahren würden, könnten sie mit der Zeit die Kontrollkräfte ihres Bewusstseins stärken und so die eigenen Triebe bezwingen. Auf diesem Weg schien ihm eine zukünftige, freie Gesellschaft möglich, in der sich alle Menschen von sich aus entscheiden, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft zu sein. 

Denjenigen, die wie ich geneigt sind, dieser Utopie Glauben zu schenken, möchte ich ausdrücklich nicht Freuds darauffolgendes Werk Das Unbehagen in der Kultur (1929), empfehlen. Denn nur zwei Jahre nach der Zukunft einer Illusion lässt Freud hier all seine utopischen Hoffnungen fahren. Im Unbehagen revidiert er seine Anthropologie gründlich in Richtung Hobbes: Menschen seien kaum zu Rationalität und Gemeinschaftssinn fähig, insgeheim wollten sie nicht einmal Freiheit für sich selbst, sondern würden sich lieber einer „Vaterfigur“, einem starken Mann unterwerfen.

Mir zumindest gefällt das mit der Bildung besser.

WELTBEWEGER

Photo: Wikimedia Commons (CC 0)

Margaret Douglass (1822-?)

Apropos: die zum Teil noch stark in rassistischen Mindsets verwurzelten Gesetzesgeber der US-amerikanischen Südstaaten des 19. Jahrhunderts wussten wohl um die emanzipierende Wirkung von Bildung. Perfide stellten sie es darum unter Strafe, schwarzen Kindern das Lesen beizubringen. Eine Maßnahme, die von der Mehrheit der weißen Bevölkerung unterstützt oder gar erwartet wurde.

Nicht jedoch von Margaret Douglass. Als die 1822 geborene Näherin von dem rassistischen Bildungsverbot erfuhr, entschied sie sich, aktiv etwas dagegen zu unternehmen: Heimlich gründete sie in ihrem Haus eine Schule für schwarze Kinder. Sie unterrichtete dort, bis sie von der Stadtpolizei verhaftet wurde und für ihr angebliches Vergehen ins Gefängnis musste. In ihr traf moralische Überzeugung auf Unternehmergeist – eine ideale liberale Kombination.

Heimat der Freiheit

Taverne im neuen Gewand

Am Montag hatten wir zur ersten Neuauflage unserer Taverne eingeladen. Gemeinsam mit unseren lieben Gästen hörten wir einen Vortrag der Le Monde-Korrespondentin Cécile Boutelet, die uns nur wenige Minuten nach dem Sturz der Regierung Bayrou eine Einschätzung der politischen und wirtschaftlichen Lage in Frankreich geben konnte.  

Zum ersten Mal wurde zusätzlich zur geistigen Nahrung auch reale angeboten. So konnten wir unsere Gespräche nicht nur mit Wein und Apfelschorle, sondern auch mit Cheeseburgern und Gemüsewraps kulinarisch unterfüttern.