Die Revolution der Ideen – Journeys of the Mind – Karl Heinrich Ulrichs’ 200. Geburtstag
- by Marius
Ideen verändern die Welt, das wissen wir. Die 68er, die Ökobewegung, die neue Rechte: Egal, wie man das Ergebnis beurteilt, sie alle haben es geschafft, mit ihren Ideen Politik zu machen und Gesellschaft zu verändern.
Doch Ideen wirken nicht von allein. Bücher machen keine Politik, und Bilder verändern, an und für sich, keine Gesellschaft. Dafür braucht es Menschen.
ANSICHT
Was uns bewegt
Ideen verändern die Welt, das wissen wir. Die 68er, die Ökobewegung, die neue Rechte: Egal, wie man das Ergebnis beurteilt, sie alle haben es geschafft, mit ihren Ideen Politik zu machen und Gesellschaft zu verändern. Doch Ideen wirken nicht von allein. Bücher machen keine Politik, und Bilder verändern, an und für sich, keine Gesellschaft. Dafür braucht es Menschen.
Folgt man Pierre Hadot oder F.A. Hayek, Peter Brown oder Alexandre Lefebvre so sind dies häufig Menschen, die ihren Beruf oder ihre Berufung in Ideen sehen. Nicht nur Hayeks gesellschaftlich integrierte Gebrauchtwarenhändler der Ideen, sondern auch diejenigen, die uns ein wenig verrückt vorkommen, die aus unserer Perspektive etwas fringe sind, am Rande der Gesellschaft stehen.
Im vierten Jahrhundert nach Christus konnten so etwa Philosophen, zurückgezogen und von der Welt der Politik entfernt, Einfluss auf die Elite des Reiches nehmen, wie Peter Brown in Power and Persuasion (1992)erklärt – vor allem wegen des Ideals der Paideia, der klassischen Bildung, dem auch die spätantiken Eliten noch nacheiferten und welches Philosophen eine Rolle als Berater und sogar Kritiker der Macht zuwies.
Auch nach den Umbrüchen dieser Zeit waren Überzeugung und Ideen einflussreich, nun in Form von Bischöfen und Mönchen, die eine neue Welt der Werte und übernatürlichen Sanktionen mitbrachten. Sie erreichten neben den Eliten, für die sie teils die Rolle der Philosophen erfüllten, mit ihrer Botschaft vom Zorn und von der Güte Gottes auch breite Schichten. Diese waren auf der Suche nach Idealen, an denen sie in Zeiten des Umbruchs ihr Leben ausrichten konnten, politisch aber vor allem auch persönlich.
Nicht ganz ohne Grund vergleicht Peter Brown dies mit seiner Erfahrung in Berkeley in den 60ern. Auch damals waren seine Zeitgenossen auf der Suche nach Ideen, an denen sie ihr Leben ausrichten wollten.
Heute durchlaufen die führenden Persönlichkeiten unserer Gesellschaft keinen Rhetorik-Unterricht an der griechischen Küste und keine Philosophie Lektionen mit griechischen Klassikern. Stattdessen studieren sie Jura oder Politikwissenschaften, Literatur und Geschichte. Auch deshalb ist die Neue Rechte so erpicht darauf, die Kontrolle über Universitäten zu gewinnen. Das müssten selbst die letzten Liberalen beim Blick auf die Entwicklungen der letzten Monate in den USA verstanden haben.
Etwas unbeachtet scheint mir dagegen der zweite Weg, über den zunächst Linke und in den letzten Jahren vermehrt Rechte unsere Gesellschaft prägen: Mit ihren Idealen für das Persönliche, das Private. Findet man linke Ideale in den Büchern und Ratgebern, die das Feuilleton empfiehlt, so finden sich ihre rechten Pendants auf YouTube und in Podcasts.
Das Christentum hat es vorgemacht: In Zeiten des Umbruchs können auch Ideale für das private Leben Revolution machen. Was Smith, de Tocqueville und Weber verstanden haben, sollten wir nicht vergessen.
AUSBLICK
Journeys of the Mind: A Life in History
Hexenprozesse? Ein rationaler Weg, Konflikte zu lösen. Dämonen und Mystiker? Selbstbehauptung und -regulierung lokaler Gemeinden gegenüber schwindender zentraler Macht. Peter Brown zeichnet ein völlig anderes Bild der Spätantike, als wir es gewohnt sind.
In Dublin, 1935, beginnt eine Geschichte, die von Oxford über Khartum, Teheran und Kairo bis nach Berkeley und Princeton führt. Von der Krise der römischen Republik bis ins christliche Mittelalter und islamische Glanzzeiten – immer mit einem Blick für die Nuancen der Spätantike. So weit ist der Horizont, den Peter Brown in seiner intellektuellen Autobiographie Journeys of the Mind (2023) eröffnet. Brown zeichnet nicht nur ein Bild seines eigenen Werdeganges, sondern gleich eines ganzen neuen Feldes in den Geschichtswissenschaften und einer spannenden, neuen Perspektive auf unsere Welt.
Inspiriert wurde er dabei etwa von der sozialen Anthropologie E.E Evans-Pritchard, der Denkschule Fernand Braudels und von Pierre Hadot. Wen die oben aufgeworfenen Fragen zur Rolle von Intellektuellen interessieren, der oder dem sei dieses Buch empfohlen.
WELTBEWEGER
Karl Heinrich Ulrichs
Der erste freiwillig geoutete Urning, einer der ersten Vorkämpfer der rechtlichen Gleichstellung von Homosexuellen, ein Jurist und Sexualforscher der ersten Stunde wäre gestern 200 Jahre alt geworden. Geboren am 28. August 1825, studierte Karl Heinrich Ulrichs in Göttingen Theologie und Jura, in Berlin Geschichte.
Schon damals war er recht offen homosexuell und litt unter Repressionen. Den Staatsdienst in Hildesheim musste er deswegen verlassen, einige Jahre später wurde ihm auch der Anwaltsberuf verboten. Danach verdiente er seinen Lebensunterhalt unter anderem als Journalist und veröffentlichte Bücher über seine Forschungen zum Rätsel der mannmännlichen Liebe, eine der beiden Formen des Uranismus – so nannte Ulrichs Homosexualität. Ein schwuler Mann war demnach ein Urning, nach der Göttin Urania, eine lesbische Frau eine Urninde. Ihre sexuellen Präferenzen erkannte er, hundert Jahre vor den 68ern, als natürliche an.
Als liberaler Verfechter der Gleichstellung aller Sexualpräferenzen forderte er sogar bereits die Anerkennung der urnischen Ehe und wollte einen Urnings-Bund gründen, um die Rechte von Homosexuellen zu verteidigen. Schon 1867 forderte er in einer Rede vor dem deutschen Juristentag, damals wie heute kein Hort des Progressiven, die Straffreiheit gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen. Die fünfhundert anwesenden Juristen waren davon nicht angetan.
Von der stärker werdenden preußischen Repression und der gesellschaftlichen Regression getrieben, verbrachte Ulrichs die letzten 15 Jahre seines Lebens in Italien, wo er sich zunächst in Neapel niederließ und eine lateinische Zeitung Alaudae herausgab. 1895 starb er in L’Aquila.