Denken ohne Gender-Geländer – The Road to Wigan Pier – Prometheus – Grüße aus den Flitterwochen
- by Ricardo
Da ist sie wieder. Die eingeschlafene Debatte um Gender-Sprache wurde mit einem Knall aufgeweckt, nachdem Kulturstaatsminister Wolfram Weimer entschied, dass man sich in seinem Ministerium an den „Regeln der deutschen Sprache“ orientieren müsse, und zudem die Empfehlung aussprach, dass staatlich geförderte Institutionen ebenfalls aufs Gendern verzichten sollten.
ANSICHT
Denken ohne Gender-Geländer
Da ist sie wieder. Die eingeschlafene Debatte um Gender-Sprache wurde mit einem Knall aufgeweckt, nachdem Kulturstaatsminister Wolfram Weimer entschied, dass man sich in seinem Ministerium an den „Regeln der deutschen Sprache“ orientieren müsse, und zudem die Empfehlung aussprach, dass staatlich geförderte Institutionen ebenfalls aufs Gendern verzichten sollten.
So gehen auch die überhitzten Diskussionen wieder von vorne los. Die eine Seite sieht sich bei Weimers Entscheidung an Totalitarismus und Zensur erinnert – die andere Seite feiert dieselbe Entscheidung als gerechten Sieg über Totalitarismus und Zensur. Worum genau geht es nochmal?
Befürwortern der gendersensiblen Sprache (meistens Linke) ist es wichtig, dass in Gruppenbezeichnungen auch die weiblichen Gruppenmitglieder ausdrücklich sprachlich sichtbar gemacht werden – darum bezeichnen sie sich z.B. selbst lieber als „Befürworter:innen“. Gegner dieser Schreib- und Sprechweise (meistens Konservative) meinen, die Verständlichkeit und Schönheit des Deutschen würden unter dem Gendersprech leiden.
Warum hört man in diesen Kulturkämpfen eigentlich so selten liberale Stimmen? Den meisten Liberalen scheinen Debatten wie die ums Gendern – in schönem, verständlichem Deutsch ausgedrückt – scheißegal zu sein. In Zeiten von Kriegen und schwächelnder Wirtschaft gibt es wahrlich wichtigere Probleme, um die man sich Gedanken machen muss. Doch auch wenn er wollte, könnte der Liberale kaum eine polarisierende Meinung zum Thema Gendern bilden, eben weil er niemandem vorschreiben will, wie man zu sprechen und zu schreiben habe.
Möglicherweise würde es aber den überhitzten Kulturkämpfen guttun, wenn gerade diese unaufgeregte, den Blick aufs Wesentliche lenkende, liberale Haltung stärker in den öffentlichen Debatten vertreten wäre.
AUSBLICK
Buchempfehlung – The Road to Wigan Pier
Dass existenzielle politische Debatten von vergleichsweise unwichtigen Kulturkämpfen überlagert werden, ist beileibe kein neues Phänomen. Wer an einer historischen Einordnung dieser Dynamik interessiert ist, dem sei George Orwells „The Road to Wigan Pier“ von 1936 ans Herz gelegt. Für Orwell war zu dem Zeitpunkt die Bekämpfung der im U.K. grassierenden Armut das dringendste politische Problem. Zu dieser Einsicht gelangte er während eines monatelangen Aufenthaltes in den nordenglischen Arbeiter- und Elendsvierteln. Der erste Teil des Buches ist eine Beschreibung seiner Eindrücke dort.
Er schildert die Arbeitsbedingungen der Kohlekumpel, die unter der Erde stundenlange, unbezahlte Arbeitswege kriechend zurücklegen müssen, um sich dann in sengender Hitze und giftstoffreicher Luft zu Tode zu schuften – dank des hohen Unfallrisikos oftmals wortwörtlich. Die Häuser in den Arbeitersiedlungen waren zuhauf von Schimmel und Bettwanzen befallen und boten meist so wenig Platz, dass es keine Seltenheit war, wenn drei Familienmitglieder sich ein einzelnes kleines Bett teilen mussten – oft bloß mit Mänteln und Teppichen als „Bettwäsche“ ausgestattet.
Orwell kommt zu dem Schluss, dass diese Zustände nicht tragbar sind, und wendet sich darum den Sozialisten zu, die als einzige versprechen, das Los der Arbeiterklasse zu verbessern. Doch wurde ihm bei seinen Recherchen dann auch bewusst: die meisten Arbeiter wollten bloß verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen, um ansonsten weiterhin ihre Freizeit in der Familie, im Pub oder beim Fußball zu verbringen. Dagegen seien die Sozialisten damit beschäftigt, sich kulturkämpferisch für eine utopische Gesellschaft einzusetzen, in der nichts bleiben soll wie vorher. Orwell formuliert die Vermutung, die meisten Sozialisten seien gar nicht vordergründig aus einer Sorge um die Arbeiter motiviert, sondern vielmehr aus einem Hass auf die Reichen. Ein Hass, der bei vielen bürgerlich-akademischen Sozialisten oftmals auch ein Selbsthass ist.
Ihr seht schon: „The Road to Wigan Pier“ bietet viel Stoff zum Nachdenken über aktuelle Debatten. Aus heutiger Sicht kann man froh sein, dass in den westlichen Ländern der Wohlstand seit Orwells Zeit für alle so dramatisch gewachsen ist, dass Zustände wie im damaligen Nordengland weitestgehend der Geschichte angehören – und das hoffentlich auch bleiben werden.
WELTBEWEGER
Die Bezähmer des Auerochsen
Die großen Wirtschaftswunder der letzten zweihundert Jahre wären nicht möglich gewesen ohne zivilisatorische Grundsteinlegungen, die zum Teil Urzeiten zurückreichen. (Unser Name Prometheus z.B. erinnert an die steinzeitlichen Helden, die der Menschheit das Feuer brachten.) So wären auch die großartigen Fortschritte im Kampf gegen den Hunger ohne domestizierte Nutztiere wie Hühner, Schafe, Schweine oder Rinder undenkbar gewesen. Die Vorfahren der heutigen Nutztiere waren noch sehr wilde Tiere, und während es noch einigermaßen machbar gewesen sein wird, ein wildes Huhn oder Schaf zu fangen und gefangen zu halten, muss die Zähmung eines Wildschweins schon eine Herkulesaufgabe gewesen sein. Und doch gab es unbekannte Übermenschen, die etwas noch Wahnsinnigeres geleistet haben, indem sie tonnenschwere, wilde, tödlich behörnte Auerochsen (die Vorfahren aller heutigen Kühe) nicht nur gefangen, sondern auch noch gezähmt haben. DNA-Untersuchungen legen nahe, dass diese Tat wohl nur wenige Male in der Menschheitsgeschichte gelungen ist – scheinen doch alle heute lebenden Rinder von zwei Ursprungspopulationen (eine aus dem Nahen Osten, die andere aus Indien) abzustammen.
Heimat der Freiheit
Grüße aus den Flitterwochen
Da ich diesen Newsletter aus dem Urlaub schreibe, habe ich gerade keine aktuellen Einblicke in die Geschehnisse im Prometheus-Office – was dort alles Spannendes passiert, erfahrt ihr wieder nächste Woche. Stattdessen schicke ich an dieser Stelle herzliche Flitterwochengrüße aus Italien von meiner Frau Emma und mir.