Newsletter

Klassenkampf-Cosplay – Molwanien – Guido Westerwelle

Dass gerade in privilegierten Arbeitnehmerverhältnissen immer wieder am meisten gestreikt wird, ist ein großes Ärgernis für viele Bürger. Einen bitteren Beigeschmack hat aber vor allem die Klassenkampf-Rhetorik vieler Gewerkschaftsfunktionäre. Sie heizt die Spaltung und Wut in unserer Gesellschaft nur weiter an. Wen werden die Menschen, denen von Verdi und Co. konsistent ihr Opferstatus bestätigt wird, denn wohl wählen?

ANSICHT

Photo: XSimon, from wikimedia.org (Creative Commons Attribution 3.0 Unported license)

Klassenkampf-Cosplay

Rund 8400 Euro im Monat können Lufthansa-Piloten im Ruhestand Monat für Monat einstreichen. Da muss schon dringend ein Streik her, um diese Konditionen zu verbessern. Vor 15 Jahren waren in Deutschland 4,6 Millionen beim öffentlichen Dienst beschäftigt; die aktuellsten Zahlen von 2024 verzeichnen 5,4 Millionen, Tendenz weiter steigend. Und obwohl hier nun wahrlich kein Stellenabbau droht, rund 30 Krankheitstage im Jahr der Normalzustand sind und der Staat bei allen möglichen Zusatz- und Sonderleistungen für seine Angestellten mit gutem Vorbild voran geht, hat die Gewerkschaft Verdi mal wieder zum Sturm auf die Bastille aufgerufen. Sieben bis zwölf Prozent Lohnerhöhung müssen schon drin sein bei den derzeitigen Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst.

Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass es viele Menschen gibt, die nicht streiken? Bei Mitarbeitern von Supermärkten oder bei Medizinischen Fachangestellten gelingen den Gewerkschaften selten nennenswerte Mobilisierungen. Geräuschlos und unkompliziert verlaufen Tarifverhandlungen traditionell in Branchen wie der Chemieindustrie; also dort, wo klar ist, dass man nicht einfach mal so aus den bodenlosen Steuertöpfen Geld hervorzaubern kann, sondern alle dazu beitragen müssen, dass es erwirtschaftet wird. Ganz zu schweigen von den Einzelhändlern, Restaurantbesitzerinnen, Landwirten, IT-Expertinnen, Physiotherapeuten und Malern, die als Selbständige ihre Kunden überzeugen müssen – mit guten Leistungen statt mit Zwang und Gewalt.

Dass gerade in privilegierten Arbeitnehmerverhältnissen, wo kaum betriebsbedingte Kündigungen drohen und die Entlohnung durchaus überdurchschnittlich ist, immer wieder am meisten gestreikt wird, ist ein großes Ärgernis für viele Bürger in diesem Land, die so betroffen wie verständnislos sind. Einen bitteren Beigeschmack hat aber vor allem die Klassenkampf-Rhetorik vieler Gewerkschaftsfunktionäre. Sie tun im Habitus eines Arbeiterführers des 19. Jahrhunderts gerade so, als ob in Deutschland Ausbeutung auf der Tagesordnung stehe. Das ist absolut respektlos gegenüber den vielen Menschen weltweit, die wirklich ausgebeutet werden. Und es heizt die Spaltung und Wut in unserer Gesellschaft nur weiter an. Wen werden die Menschen, denen von Verdi und Co. konsistent ihr Opferstatus bestätigt wird, denn wohl wählen?

AUSBLICK

Photo: Thalia

Buch-Empfehlung: Ein Reiseführer zu Molwanien

Sind Sie schon mal mit der Bahn aus Lutenblag in die Molwanischen Alpen gereist? Und haben Sie schon mal die traditionelle Spezialität des hrosflab gekostet und dazu ein Glas turpz getrunken, einen mit Eichenharz aromatisierten Weißwein? Vielleicht auch bereits in das Epos „Gorzenmko ur Turj“ („Mein pochendes Herz“) des Nationaldichters Bratislav Demkjo (1734-1789) hinein geschmökert?

Der Reiseführer zu einer der Perlen des postsowjetischen Raumes erschien erstmals auf Englisch im Jahr 2003 unter dem Titel „Molvania – A land untouched by modern dentistry“ und beschreibt aufs liebevollste ein Land, das bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nur in den Köpfen der drei australischen Ulknudeln Santo Cilauro, Tom Gleisner und Rob Sitch existierte. Unzählige Stunden an Ausgelassenheit muss ihnen die Umsetzung der Idee bereitet haben, diesen Reiseführer zusammenzustellen. Drei Jahre vor dem Erscheinen von Sacha Baron Cohens Film „Borat“, dessen gleichnamiger Titelheld einen ähnlich rauen Charme versprüht wie Molwanîen, ist hier schon ein Feuerwerk postsowjetisch inspirierter Fantasie abgebrannt worden. Wer inmitten der gerade in dieser geographischen Gegend so düsteren Nachrichtenlage seinem Gemüt eine erheiternde Pause gönnen will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt!

WELTBEWEGER

Photo: Deutsches Schuhmuseum Hauenstein, from museum digital rheinland-pfalz

Guido Westerwelle

Vor 25 Jahren wurde der damalige FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle (1961-2016) in Aachen mit dem Orden wider den tierischen Ernst ausgezeichnet. Kurz darauf begann er, seine Partei komplett umzukrempeln. Manch einem erschien es so, als ob diese Auszeichnung geradezu Ansporn dazu gegeben habe. Von Spaßwahlkampf war die Rede. Etliche honorige Altvordere distanzierten sich in aller Form von Guidomobil und 18-Prozent-Schuhen. Aber es gelang Westerwelle durch den Mut zum Ungewöhnlichen, der Partei ein neues Image zu verpassen und sie aus dem Bonner-Republik-Mief herauszuführen. Dabei beließ er es nicht nur bei Äußerlichkeiten und Image-Polieren. In der Zeit von Deutschland als „krankem Mann Europas“ scheuchten die Freien Demokraten alle anderen Parteien mit inhaltlich radikalen Reformvorschlägen vor sich her und hatten so maßgeblichen Einfluss daran, dass am Ende selbst eine rot-grüne Regierung die bedeutendsten Reformen seit Ludwig Erhard wagte.

Die Bestätigung dieses Kurses war eindrücklich: 1998 war die FDP bei der Bundestagswahl auf 6,8 Prozent gekommen und nur noch in vier Länderparlamenten vertreten. 2009 konnte sie 14,6 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen und hatte in jedem Bundesland außer Hamburg Abgeordnete; von den 36 Landtagswahlen zwischen 1999 und 2009 steigerte die Partei in 29 ihre Ergebnisse, zum Teil signifikant. Das Debakel der letzten schwarz-gelben Regierung 2009 bis 2013 stellte das Wirken Westerwelles dann unter einen großen Schatten, der bisweilen die Leistungen der Zeit davor aus dem Blick geraten ließ. In dieser Zeit war Westerwelle vor allem eines gewesen: ein glasklarer Ideen-Botschafter. Was ihn von vielen seiner Vorgänger und Nachfolger (einschließlich seiner selbst ab 2009) unterschied, war die Mischung aus Überzeugungsstärke und charmantem Charisma. Und da zeigte sich dann auch das rheinische Naturell ganz deutlich: Wie bei einem richtigen Jecken konnte bei Westerwelle durch allen Klamauk hindurch ein profiliertes und fundiertes Weltbild aufscheinen. Viele Menschen hat das überzeugt.