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Europäischer Handel – Latinometrics – Juan Bautista Alberdi

Die EU hat ihre Agenda zur Diversifizierung des Handels vorangebracht. Führt 2026 ein Weg heraus aus der Interventionsspirale? Die Ausgangslage ist alles andere als rosig. Laut EZB-Präsidentin Lagarde wirken interne Handelshemmnisse wie Zölle von 65 Prozent auf Waren und 100 Prozent auf Dienstleistungen: Kosten in Schlüsselbereichen, die auf ausufernde Bürokratie, Doppelregulierungen und nationale Sonderwege zurückzuführen sind. 

ANSICHT

Photo: Fr0gg5, from unsplash.com (Unsplash license)

Europa zwischen Handelskrieg und Bürokratie

Europa sei offen für Handel – so EU-Ratspräsident António Costa in seiner Einladung an die EU-Führungsspitzen zu einer informellen Klausurtagung am 12. Februar. Und im Prinzip hat er ja Recht. Die Verträge zum Mercosur-Abkommen werden nach drei Jahrzehnten endlich unterzeichnet. Die EU und Indien einigen sich nach jahrelangen Verhandlungen auf ein Freihandelsabkommen. Es geht doch, könnte man meinen. Die EU hat ihre Agenda zur Diversifizierung des Handels vorangebracht. Weg vom Handlungsdruck, Zölle mit Zöllen zu beantworten; hin zum Abbau von Handelshemmnissen und mehr Unabhängigkeit für Europa. Führt 2026 ein Weg heraus aus der Interventionsspirale?

Wenn die EU-Staats- und Regierungschefs in der kommenden Woche auf Schloss Alden Biesen über die Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten geoökonomischer Verwerfungen beraten, könnte man positiv gestimmte Gesichter erwarten. Doch die Ausgangslage ist alles andere als rosig. Dies verdeutlichen die Ergebnisse des kürzlich von der EU-Kommission veröffentlichten 2026 Annual Single Market und Competitiveness Report. Der Bericht stützt sich auf 29 Leistungsindikatoren, die Bereiche wie Marktintegration, -barrieren und Investitionstrends abdecken. Und er liest sich wie ein Befund verpasster Möglichkeiten. Sechs Indikatoren sind zurückgegangen, sechs haben sich verbessert und 15 sind weitgehend unverändert geblieben. Besonders erschreckend: Erstmals seit einem Jahrzehnt ist der EU-Warenhandel unabhängig von den Einflüssen der Corona-Pandemie zurückgegangen – von 23,5 Prozent auf 22 Prozent im Jahr 2024. Die Integration des Binnenmarktes stagniert. Die Fragmentierung wächst. Laut EZB-Präsidentin Lagarde wirken interne Handelshemmnisse wie Zölle von 65 Prozent auf Waren und 100 Prozent auf Dienstleistungen: Kosten in Schlüsselbereichen, die auf ausufernde Bürokratie, Doppelregulierungen und nationale Sonderwege zurückzuführen sind. Lagarde drängt daher auf den Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse, auch und vor allem, um externen Zollrisiken zu begegnen und wegbrechende US-Exporte zu kompensieren. Die EZB hat errechnet, dass US-Zölle das BIP der EU in den kommenden zwei Jahren um etwa 0,7 Prozentpunkte senken können. Eine Reduzierung der internen Handelskosten um zwei Prozent würde diesen negativen Effekt vollständig ausgleichen.

Die Forderung nach Deregulierung ist da so naheliegend wie unausweichlich. Doch für sich genommen greift sie zu kurz. Man darf nicht vergessen, dass Errungenschaften wie sauberes Trinkwasser, schadstofffreie Lebensmittel und auch hohe Standards beim Datenschutz aus EU-Vorschriften resultieren. Wie sollen diese für uns selbstverständlichen Dinge sonst durchgesetzt werden? Costa schlägt einen gemeinsamen, 28. EU-Rechtsrahmen vor, dem sich Unternehmen unterordnen können. Er verspricht sich davon mehr Wachstum durch weniger Verwaltungsaufwand. Für die Umsetzung bräuchte es nur noch die Zustimmung von 27 Mitgliedstaaten mit ihren eigenen nationalen Sonderwegen. Ach ja, und natürlich Politiker, die dazu bereit sind.

AUSBLICK

Photo: Latinometrics

Latinometrics

Allen, die sich für ökonomische Entwicklungen in Lateinamerika interessieren, empfehle ich, mal bei Latinometrics vorbeizuschauen. Das 2021 gegründete Startup liefert wöchentlich hochwertige, visuell aufbereitete Statistiken und Informationen rund um aktuelle Wachstumstrends und Marktentwicklungen in Lateinamerika. Das Angebot ist als kostenfreier Newsletter und über die gängigen sozialen Medien (Instagram, LinkedIn, X) erhältlich.

Wer hätte gedacht, dass Costa Rica, die Dominikanische Republik und Panama die am stärksten wachsenden Volkswirtschaften Lateinamerikas in den vergangenen zehn Jahren sind? Und wie wichtig ist die Region eigentlich für die globale Ölindustrie? Gerade in Zeiten, in denen das Potenzial lateinamerikanischer Märkte eine immer wichtigere Rolle in der Weltwirtschaft spielt, lohnt sich mal ein Blick in die ein oder andere Infografik von Latinometrics.

Weltbeweger

Photo: William George Helsby, from commons.wikimedia.org (public domain)

Juan Bautista Alberdi

Wenn ich auf meiner Reise durch Lateinamerika mit Menschen über die Geschichte der Region ins Gespräch komme, fallen fast immer die gleichen Namen: Simón Bolivar, Emiliano Zapata, Juan Perón. Sie alle zählen bis heute in der öffentlichen Wahrnehmung zu den prägenden historischen Persönlichkeiten Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert. Und eines haben sie gemeinsam: Liberal waren sie nicht.

Ganz anders Juan Bautista Alberdi (1810-1884). Der argentinische Ökonom und Schriftsteller gilt als bedeutendster Theoretiker des argentinischen Liberalismus im 19. Jahrhundert. Alberdi kämpfte zusammen mit anderen Intellektuellen der Generación del 37 für die Demokratie und war maßgeblich an der Organisation des Widerstandes gegen die Diktatur beteiligt. Beeinflusst vom Gedankengut Jean-Jaques Rousseaus formulierte er aus dem Exil heraus seine Forderung nach einer starken, aber strikt begrenzten Verfassung. Staatlicher Dirigismus galt ihm als Quelle von Rückständigkeit und Machtmissbrauch. In Bezug auf die Präsenz des Staatsapparates schrieb Alberdi in seinem Buch Die Allmacht des Staates ist die Leugnung der individuellen Freiheit, dass “Gesellschaften, die ihr Glück von ihren Regierungen erwarten, etwas erwarten, das der Natur widerspricht.” Er gilt bis heute als Vater der argentinischen Verfassung von 1853, die noch immer gültig ist. 1985 zitierte ihn der damalige US-Präsident Ronald Reagan in einer Rede und traf damit den Kern seiner liberalen Überzeugung: „The Constitution, liberty, authority are not written. They are realized. They are not decreed. They are created. They are made by education. They are not made in the Congress. They are made in the home. They don’t live on paper. They live in the man.“