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Ideologische Arbeitsteilung – Der Ernstfall – Max Weber

Schaut man sich erfolgreiche Bewegungen an, sieht man: Neben den Pragmatikern und Handelnden braucht es immer auch diejenigen, die sich, von pragmatischen Zwängen befreit, ganz grundlegend Gedanken machen können. Besonders erfolgreich verfolgen derzeit die Neuen Rechten dieses Konzept. Auch bei den Grünen konnte man die Früchte einer solchen Arbeitsteilung in den letzten Jahren häufig ernten. Bei uns Liberalen funktioniert das bisher nicht. Deshalb ist es kein bug, sondern ein feature, dass wir uns bei Prometheus auf die grundlegenden Fragen konzentrieren.

ANSICHT

Photo: Simon Scharfenberger, from Wikimedia (Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license)

Auch Ideen brauchen Arbeitsteilung

In diesen für den Liberalismus dunklen Tagen höre ich immer häufiger: Schön, dass ihr bei Prometheus als Letzte die Fackel der Freiheit noch mit neuen Ideen hochhaltet. Gefolgt von: Aber wann setzt ihr das alles denn endlich auch mal praktisch um? Dabei schwingt mit, dass Ideen, schön und gut, natürlich auch wichtig sind – und klar, im liberalen Ökosystem viel zu oft Mangelware. Aber: Am Ende zählt doch, was hinten rauskommt. Und dafür muss es praktisch werden, müssen zumindest mal Policy-Vorschläge geschrieben, Wahlen gewonnen, Politik gemacht werden. Warum machen wir das also nicht?

Unsere vermeintliche Untätigkeit ist weder Zufall noch Bequemlichkeit geschuldet, sondern hat einen guten Grund. Schaut man sich erfolgreiche Bewegungen an, sieht man: Neben politischen Akteuren, den Pragmatikern und Handelnden, braucht es immer auch diejenigen, die sich, von pragmatischen Zwängen befreit, ganz grundlegend Gedanken machen können.

Besonders erfolgreich verfolgen derzeit die Neuen Rechten dieses Konzept. Während die AfD sich um die Tagespolitik kümmert und ganz pragmatisch ihre Nase in den Wind hält, mal etwa Reichweite mit Musk gewinnt, mal antiamerikanisch tönt, kann Götz Kubitschek die Lage von der Seitenlinie aus einordnen. Damit ist er auch sicher vor all den Problemen, die Parteien mit sich bringen, samt Finanzierungsskandalen. Ebenso kann Martin Sellner die Grenzen des Grundgesetzes mit Verve überspringen, während Weidel und Co. versuchen, den Verfassungsschutz von ihrer Unschuld zu überzeugen. All das zeigt: Im Kampf um neue Ideen und die gesellschaftliche Vorherrschaft profitiert die Rechte von dieser Arbeitsteilung.

Auch bei den Grünen konnte man die Früchte einer solchen Arbeitsteilung in den letzten Jahren häufig ernten. Machte sich Habeck mit seiner Politik unbeliebt oder musste Kompromisse gegen den Klimaschutz eingehen – die grüne Glaubwürdigkeit blieb bestehen, denn Greenpeace, Fridays for Future und Co. konnten die reine Lehre in der Öffentlichkeit vertreten. So blieben die Unterstützer an die Bewegung gebunden, auch wenn sie von der praktischen Politik frustriert waren.

Bei uns Liberalen funktioniert das bisher nicht. Aus Sicht der Partei, die sich als Vertreterin der Liberalen versteht, sollte lange Zeit möglichst alles aus einem Guss sein. Wenn der Parteivorsitzende schon nicht jedes Positionspapier selbst schreiben konnte, wurde doch darauf geachtet, dass die parteinahe Stiftung etwa voll auf Linie war. Statt inhaltlicher Speerspitze war eher pragmatische Wahlkampfhilfe gewünscht.

Wir nehmen die Vorteile der ideologischen Arbeitsteilung ernst. Deshalb ist es kein bug, sondern ein feature, dass wir uns auf die grundlegenden Fragen konzentrieren. Auf die Ideen, die uns neuen Schwung geben können; die Menschen, die diese Ideen erdenken und in die Welt tragen; und neue Projekte, die um uns herum dann im Sinne der Freiheit wirksam werden können. Und ganz ehrlich: Das ist schwer genug.

AUSBLICK

Photo: Die Welt

Podcast-Empfehlung: „Was passiert im Ernstfall?"

Im Alltag geht es leicht unter: Wir müssen uns nicht nur vor einem Krieg mit Russland in naher oder ferner Zukunft fürchten. Nein, Russland greift uns bereits an, jeden Monat. Krankenhäuser werden per Hack lahmgelegt, Paketbomben per DHL verschickt und sogar ein Anschlag auf einen deutschen CEO geplant. Umso wichtiger ist es also, zu durchdenken, wie ein echter Kriegsfall aussehen würde, der aus diesen hybriden Attacken schnell entstehen kann. Ein neuer Welt-Podcast, Ernstfall – Was, wenn Russland uns angreift?, lädt zu solchen Überlegungen ein. Anschaulich und für Einsteiger geeignet, wird ein Wargame nachgespielt, wie es sonst nur Armeen oder Geheimdienste simulieren. Mit dabei: Personal aus vorangegangenen Regierungen, internationale Experten und eine Menge deutscher Schwächen. Die ersten beiden Folgen sind frei verfügbar, reinhören lohnt sich.

WELTBEWEGER

Photo: Ernst Gottmann, from Wikipedia (Creative Commons)

Max Weber

Nachdem ich weiter oben die ideologische Arbeitsteilung gelobt habe, muss ich natürlich auch jene Ausnahmetalente anerkennen, die beides können: Intellektuell unabhängig und grundlegend denken genauso wie praktisch pragmatisch in der Politik wirken. Max Weber war ein solches Ausnahmetalent.

1864 in Erfurt geboren, zählte er zu den großen Begründern der modernen Sozialwissenschaften. Mit Werken wie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ oder „Wirtschaft und Gesellschaft“ war er richtungsgebend für jahrzehntelange Debatten. Bis heute lohnt sich die Lektüre, regt Weber mit seinen Analysen von Wirtschaft, Gesellschaft, Geschichte und Politik doch das eigene Weiterdenken an.

Neben seiner Arbeit im Elfenbeinturm der Akademie war Weber auch politisch aktiv. So gründete er etwa nach dem Ersten Weltkrieg die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) mit und war als Berater bei den Verhandlungen in Versailles und den Weimarer Verfassungsberatungen dabei. Die Wendungen seines Vortrags „Politik als Beruf“ – Verantwortungsethik versus Gesinnungsethik, Politik als das langsame Bohren dicker Bretter – sind auch heute noch in der deutschen Politik gebräuchlich. Auch wenn er nie als Politiker gewählt wurde, war die Politik seinen eigenen Worten nach eine „alte, heimliche Liebe“. Weber starb 1920 plötzlich an einer Lungenentzündung in München.