Fjoralba Ago – Wahlplakate – Rabbit Hole zu Genossenschaften – Thales – Libertärer Buchhandel
- by Josef
Die Zeit des Wahlkampfes ist die Zeit der Wahlplakate, und mit ihr kommt die Zeit der großen Wahlversprechen. Doch dass Politikerinnen und Politiker suggerieren, ihre Arbeit könnte das Leben in diesem Land kurzfristig spürbar verändern, ist unlauter. Mehr noch: Es weckt Erwartungen, die unweigerlich enttäuscht werden.
ANSICHT
Was eigentlich auf Wahlplakaten stehen sollte
Sie hängen wieder, die Wahlplakate. Wenn man durch Berlin spaziert (oder Rostock, Halle, Greifswald oder Stendal), strahlen sie einem entgegen. Darunter mancherlei aparte Blüten wie „Kleingärten dauerhaft schützen“, (SPD) oder „Weniger Washington. Mehr Deutschland“ (BSW). Vor allem aber wird wieder sehr vieles versprochen und in Aussicht gestellt. Wenn, ja wenn man nur diese Partei oder diese Kandidatin wählt, dann wird sich das Leben signifikant verändern: Die Miete wird bezahlbar, die Stadt sauber, die Busverbindung erhalten, die Kriminalität bekämpft oder die Energie komplett auf Öko umgestellt. Dabei kennen die Versprechen fast kein Limit und beziehen sich mehrheitlich auf Politikfelder, auf welche die Länder (auch in Folge einer jahrzehntelang wachsenden Selbstkastration) kaum mehr Einfluss haben.
Das eigentliche Gift in der Angelegenheit ist freilich das Erwartungsmanagement. Alle vier bis fünf Jahre wieder werden Hoffnungen in der Wählerschaft geweckt, dass mit ihrer Stimmabgabe in Kürze spürbare Veränderungen zu erwarten und zu erhoffen sind. So gut wie keine dieser Erwartungen werden erfüllt. Und so steigt von Wahl zu Wahl der Frustlevel. Dieser Frust erweckt mitunter dann bei Politikern das Gefühl, noch ambitioniertere Angebote machen zu müssen. Dabei müsste die Kommunikation jetzt dringend deeskalierend wirken. Warum nicht mal Wahlplakate mit Texten wie: „Dein Leben, Deine Verantwortung“; „Unser Versprechen: Wir lassen Sie in Ruhe“; „Wenn es um Dich geht, vertrauen wir uns weniger als Dir“; „Unsere Möglichkeiten sind definitiv beschränkt“; oder landestypisch für Berlin: „Jetzt lass mir doch ma in Ruhe“ bzw. „Mach halt deenen Dreck alleene!“ … Ja, wir wissen schon, warum das nicht auf den Plakaten steht. Das hat eben was mit Nachfrage zu tun. Und diese Nachfrage bestimmt oft das Bauchgefühl der Wähler. Aber vielleicht wäre ja zumindest denkbar, dass sich relevante Politiker darauf einigen, sich mit klaren und umsetzbaren Versprechen zu positionieren, die dann am Ende auch unterscheidbarer sind als die pathetischen Phrasenplattitüden der gegenwärtigen Wahlkämpfe.
AUSBLICK
Podcast-Empfehlung: Rabbit Hole - „Selbst ist der Mensch“
An dieser Stelle etwas Eigenwerbung: Die nächste Folge des Podcasts Rabbit Hole ist veröffentlicht, und dieses Mal widmen wir uns den Themen Genossenschaften und zivilgesellschaftliche Eigenverantwortung. Oder auch: wo es eigentlich wirklich keinen Staat bräuchte … Wir schauen uns Beispiele aus der Vergangenheit und Gegenwart an, überlegen aber auch, wo sich in Zukunft Möglichkeiten ergeben könnten, staatliche Ein- und Übergriffe Stück für Stück durch freiwillige Zusammenarbeit von Menschen überflüssig zu machen.
WELTBEWEGER
Thales von Milet
Aus der Schule kennen wir alle den Satz des Thales: Wer hat nicht seine ersten Gehversuche in der Geometrie damit unternommen? Der Philosoph Karl Popper sieht Thales von Milet (624-544 v. Chr.) aber noch an einer ganz anderen zentralen Schnittstelle der Geistesgeschichte, nämlich bei der Entstehung wissenschaftlichen Arbeitens. Aus seiner Beschäftigung mit den Anfängen der westlichen Philosophie, den im griechischen Kulturraum beheimateten sogenannten Vorsokratikern, hat Popper geschlossen, dass sich mit Thales etwas Grundlegendes geändert haben müsse. Zunächst habe es Meister gegeben, weise Männer, die Theorien entwickelten über die Beschaffenheit der Welt, die Bedeutung des Menschen und andere große Fragen. Diese Meister hatten um sich herum Jüngerkreise, deren Aufgabe vor allem darin bestand, die Worte des Meisters aufzunehmen und zu verbreiten.
Bei Thales, so vermutete Popper, ändert sich diese Vorgehensweise dahingehend, als der Philosoph weniger daran interessiert war, für seine Theorien Bewunderung und Zuspruch zu bekommen als vielmehr daran, in der Erkenntnis voranzuschreiten. Und darum forderte er seine Schüler zur Kritik auf. Popper meint, man müsse sich vorstellen, „dass Thales seinen Schülern sagte: ‚Das ist meine Lehre. So denke ich mir die Sache. Versucht, sie zu verbessern.‘ … Es scheint, dass er Kritik ertragen konnte, mehr noch, dass er es war, der die Tradition begründete, dass man Kritik ertragen müsse.“ Das Ziel des guten Wissenschaftlers ist der Erkenntnisgewinn, und dafür muss er bereit sein, die eigenen Theorien und Hypothesen und damit die eigenen Eitelkeiten zur Disposition zu stellen. Das fällt uns Menschen ungeheuer schwer – viel zu gerne haben wir Recht. Und das zeigt, dass Wissenschaftlichkeit nicht nur eine Frage der intellektuellen Kapazitäten ist, sondern auch eine Frage der Persönlichkeit und charakterlichen Stärke. Möge diese uralte Tradition auch heute noch Menschen inspirieren. Denn nicht nur die Wissenschaft, sondern die ganze menschliche Zivilisation, lebt davon, dass Menschen bereit sind zum Zuhören, zur Korrektur und zum Lernen.
MITSTREITER
Relaunch von Buchausgabe.de
Über viele Jahre war der Online-Shop buchausgabe.de des im vergangenen Jahr viel zu früh verstorbenen Michael Kastner (wir berichteten) eine zentrale Anlaufstelle für das weite Feld klassisch liberaler und libertärer Literatur. Seine Ehefrau hat sich jetzt verdienstvollerweise die Mühe gemacht, einen Relaunch zu ermöglichen. Bestellungen werden schon entgegengenommen – der Katalog verfügbarer Bücher wird in den nächsten Wochen noch ergänzt.
HEIMAT DER FREIHEIT
Abschied von Fjoralba Ago
Bei Prometheus geht mit dem August 2026 auch eine wichtige und schöne Ära zu Ende: Nach rund drei Jahren als unser Head of Operations zieht Fjoralba Ago, unsere Fjori, weiter zu neuen Aufgabenfeldern.
Im Sommer 2023 waren wir finanziell und organisatorisch so stabilisiert, dass wir erstmals eine zusätzliche Vollzeitstelle ermöglichen konnten. Ein glücklicher Zufall und ein funktionierendes Netzwerk brachten uns Fjori in den Blick und schon nach dem Vorstellungsgespräch war klar, dass wir genau sie sehr gerne für diese Stelle hätten. Mit dem Open Summit 2023 begann für Fjori ihre Zeit als unsere Kollegin, und dieses Event sollte sich als Kristallisationspunkt ihres Wirkens durchziehen: Die folgenden Großveranstaltungen im Jahr 2024 und 2025 wurden unter ihrer Betreuung immer größer und immer professioneller. Mit großer Hingabe sorgte Fjori aber nicht nur bei dieser einen jährlichen Gelegenheit, sondern Tag für Tag, dafür, dass sich Menschen bei uns wohlfühlen konnten – Gäste und Besucher ebenso wie Praktikantinnen und Kollegen. Fjori brachte Verlässlichkeit, Fröhlichkeit und Empathie in die Heimat der Freiheit. Und sie begleitete in diesem Sinne auch unser erhebliches Wachstum der letzten drei Jahre mit Blick auf die Aufgaben und die Kollegen. Dafür gilt ihr vom ganzen Team ein von Herzen kommendes großes Dankeschön! Aber mehr noch: Auch im Namen all der Menschen, die mit uns in Verbindung stehen, dürfen wir unserer Fjori danken und ihr wünschen, dass sie ihre Begabungen und Leidenschaften auch bei den vor ihr liegenden Aufgaben entfalten und zum Wohle aller einbringen kann!