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Emil Weikinn – Merz wird nicht Maggie – Stasi-Gefängnis – Michael Kastner – Zivilisierte Provokation

Frühpolitisierte Junge-Unions-Mitglieder, frustrierte Mittelständler, „liberalkonservative“ Journalisten: die Schar derer, die vor einem Jahr in Träumen wie in schlaflosen Nächten ihren Pulsschlag deutlicher spürten, wenn sie an Friedrich Merz dachten, war gigantisch. Nach dem Scheitern der Ampel war nun das Aufatmen in greifbarer Nähe. Dieses Gefühl, wenn man tief getaucht ist und dann über sich das erlösende Licht sieht, den Vorboten der langersehnten Luft, durchströmte das bürgerliche Lager. Endlich Reformen. Endlich die Rückkehr der ökonomischen Vernunft an die Spitze der Macht.

ANSICHT

Photo: Mauritz Antin from Wikimedia Commons (CC BY 4.0)

Warum Merz keine Maggie wird

Frühpolitisierte Junge-Unions-Mitglieder, frustrierte Mittelständler, „liberalkonservative“ Journalisten: die Schar derer, die vor einem Jahr in Träumen wie in schlaflosen Nächten ihren Pulsschlag deutlicher spürten, wenn sie an Friedrich Merz dachten, war gigantisch. Nach dem Scheitern der Ampel war nun das Aufatmen in greifbarer Nähe. Dieses Gefühl, wenn man tief getaucht ist und dann über sich das erlösende Licht sieht, den Vorboten der langersehnten Luft, durchströmte das bürgerliche Lager. Endlich Reformen. Endlich die Rückkehr der ökonomischen Vernunft an die Spitze der Macht.

Ein Jahr später herrscht absoluter Katzenjammer. Der zuvor nur in Träumen erschienene glänzende Ritter der Marktwirtschaft hat sich nach der gewonnenen Wahl in der Realität als ebenso biegsam herausgestellt wie die von seinen Verehrern so tief verachtete Vorvorgängerin. Und inzwischen bekommen die „Rebellen“ in seinem Lager auch die gleiche Knute zu spüren wie die vielerlei Widersacher Merkels über die Jahre.

Warum ist Merz nicht der „Eiserne Lord“ geworden (den unser Land ja so dringend bräuchte)? Schaut man auf die vor 100 Jahren zur Welt gekommene Margaret Thatcher und deren radikale Reformen zurück, dann kann man erkennen, dass die Ausgangslage für Friedrich Merz deutlich verzwickter ist. Und das liegt nicht nur daran, dass Thatcher keine Koalitionspartner hatte. Die Dramatik der wirtschaftlichen Lage in Großbritannien war Ende der 70er Jahre noch deutlich spürbarer als bei uns heute mit Arbeitslosigkeit, Massenstreiks und Rationierungen von Strom, Öl und Lebensmitteln. Darüber hinaus war auch die demographische Situation in allen westlichen Ländern in den 1970ern noch ganz anders: viele mittelalte bis junge Menschen konnten sich auf Verzicht und andere Härten einlassen, weil sie noch eine Zukunft vor sich sahen. Das ist in unserer kinderlosen Gerontokratie auch kaum mehr möglich.

Vor allem aber hatte Thatcher ein intellektuelles und publizistisches Umfeld, das den Boden bereitete für die Bereitschaft der britischen Wählerschaft, sich auf eine knallharte Agenda einzulassen. Mehr noch: Sie war selbst Teil dieses Umfelds gewesen und hatte sich über die Jahre einen klaren ideologischen Kompass erworben. In Deutschland 2025 werden hingegen selbst kleinere Reförmchen sofort übergreifend als Raubbau am Sozialstaat und Ungerechtigkeit von universalem Ausmaß gebrandmarkt. Und Merz, Spahn und Co schleichen sich entschuldigend grinsend und nach unten tretend aus dem Bild. Selbst wenn – wie kürzlich geschehen – ausnahmsweise mal sogar „lagerübergreifend“ von Ökonomen Rentenreformen angemahnt werden, dann verhallt das jenseits von FAZ und BILD im Nirgendwo. Um die dringend nötige „Eiserne Politik“ zu bekommen, braucht es in Deutschland ein anderes intellektuelles Umfeld. Ein paar andere Kaliber in der Politik. Und – seien wir ehrlich: womöglich auch anders gesinnte Wählerinnen und Wähler …

AUSBLICK

Besuchs-Empfehlung: Stasi-Untersuchungsgefängnis

8 Millionen Deutsche kommen jedes Jahr in die Bundeshauptstadt. Man wandelt durchs Brandenburger Tor, geht Schaufenster bummeln am Ku’damm oder auf der Friedrichstraße, besucht einen Club in Friedrichshain oder eine Ausstellung auf der Museumsinsel und lässt sich Currywurst, Döner, Falafel oder vegane indonesisch-portugiesische Fusion-Küche schmecken. Die wenigsten werden sich nach Hohenschönhausen verirren, einen nordöstlichen Außenbezirk mit grottiger Anbindung. Dabei sollte ein Besuch dort ganz oben auf der Liste stehen. Unser Land hat es nicht geschafft, eine wirkliche Vergangenheitsbewältigung der DDR-Diktatur zu erreichen. Im Gegenteil: eine neue Welle der Ostalgie rollt durch das Land, angefeuert von einer Generation von Publizisten, die kaum mehr als ein paar Kinderjahre in dem brutalen Regime verbracht haben. Umso wichtiger sind die Zeugnisse der Opfer. Im Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen hat man noch die Möglichkeit, von ehemaligen Häftlingen eine Führung zu erhalten. Deren markerschütternde und herzzerreißende Geschichten sollten möglichst viele Menschen noch hören ehe auch sie durch Alter und Tod verstummen. Darum meine ganz dringende Empfehlung, insbesondere für junge Menschen: nehmt die Reise auf Euch! (So interessant ist der Potsdamer Platz nicht, den könnt Ihr auch ein andermal besuchen …)

WELTBEWEGER

Photo: privat

Michael Kastner

Liberale reden gerne über die Bedeutung von Unternehmertum, aber sobald es in den ideellen Bereich geht, fehlt durchaus mal die Anpackermentalität. (Man muss sich nur mal ansehen, wie viele selbsterklärte liberale Aktivisten inzwischen tief in der Abhängigkeit von staatlicher Finanzierung stecken.) Der am 17. März dieses Jahres viel zu früh verstorbene Michael Kastner (1963-2025) war ein leuchtendes Bespiel dafür, was passieren kann, wenn einer einfach mal was macht und nicht nur labert … Der Softwareingenieur hatte als einer der ersten in Deutschland die libertären Ideen aus den USA auf den Schirm bekommen und gehörte zu einer kleinen Gruppe an Leuten, die bereits in den 1990er Jahren für deren Verbreitung hierzulande sorgten. So kam unter anderem auf seine Initiative hin die World Convention der „International Society for Individual Liberty“ im Jahr 1998 nach Berlin. Auch als Musiker brachte er sich ein, unter anderem mit seinem spitzzungigen Song über den Finanzbeamten.

Eine ganze Generation an Freiheitsfreunden prägte er mittels seines auch in jenen Jahren begonnenen Online-Handels für Literatur aus dem Spektrum von ordoliberal bis anarchokapitalistisch. Unter buchausgabe.de fand man als Interessierter ebenso wie als glühender Anhänger eine reichhaltige und gut kuratierte Mischung von Texten, die die Bedeutung und den Wert von Freiheit darlegten. In den letzten Jahren beobachtete er viele Entwicklungen in der libertären Szene mit Kummer und Sorge. Der an Mises und Thoreau, Rand und Hayek, Rothbard und Bakunin geschulte Idealist konnte nichts mit der Re-Politisierung mancher ehemaligen Mitstreiter anfangen, gerade auch, weil diese oft eine scharfe Kurve nach Rechts nahm. Wir sind seiner Ehefrau zutiefst dankbar, dass Sie uns seine Bibliothek für die Bibliothek des Liberalismus vermacht hat, und wollen sein geistiges und charakterliches Erbe fortführen bei uns. Viele hunderte von liberalen Schätzen werden derzeit von unserem fleißigen Praktikanten Nicolas in unseren Bibliothekskatalog eingepflegt.

Heimat der Freiheit

Dankbarkeit für unseren lieben Kollegen Emil Weikinn

Ende Dezember 2020 erreichte uns eine Praktikumsbewerbung, die mit dem Satz begann: „Zufall. Zufall ist wohl das richtige Wort, um zu beschreiben, wie ich auf das Prometheus-Institut aufmerksam geworden bin.“ Dieser Zufall bescherte uns nicht nur einen Praktikanten im Herbst 2021, sondern auch einen langjährigen lieben Kollegen, der Prometheus in seiner Wachstumsphase in den letzten Jahren intensiv begleitete. Nach seinem menschlich und fachlich sehr überzeugenden Praktikum haben wir dem Kommunikationswissenschaftsstudenten angeboten, zu uns ins Team zu wechseln. Im Oktober 2022 wurde er als Nachfolger von Alexander Albrecht zu unserem Head of Communication. Er vertrat uns mit Thurid Gebhardt zusammen beim Lights, Camera, Liberty Workshop des Atlas Network in Los Angeles, begleitete unsere Veranstaltungen mit seiner Kamera und brachte unsere Social-Media-Präsenz in die 2020er Jahre …

Seit April diesen Jahres unterstützte er seinen Nachfolger Marius Drozdzewski mit reduzierter Stundenzahl und wird sich ab Dezember ganz seiner weiteren beruflichen Zukunft widmen. Dass diese ebenso wie seine persönliche Zukunft nach über vier Jahren in unserem Team immer auch etwas vom Geist von Prometheus, vom Geist der Freiheits- und Menschenliebe in sich tragen wird, musste schon dem aufmerksamen Leser seiner Bewerbung von vor fünf Jahren auffallen, die schließt mit den Worten: „ich befinde mich bereits seit längerer Zeit auf der Suche nach Möglichkeiten, mich für eine freiheitliche und fortschrittliche Gesellschaft und Wirtschaft einzusetzen“. Ein riesiges Dankeschön, dass Du diesen Einsatz einbringst, bei uns und darüber hinaus, lieber Emil!