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Demokratie-Verirrung – Über die Berechnung des Rauminhalts – Gertrude Stein – Ostdeutschland beim Open Summit

Bei dieser Wahl stehe die Demokratie selbst auf dem Spiel, heißt es. Rund 40 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt überzeugt das offenbar nicht. Vielleicht, weil das Argument am Kern vorbeigeht: Bedroht ist nicht die Demokratie, sondern ihre liberale Begrenzung. Was heißt das für den Umgang mit der AfD?

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Linolschnitt: Männer stimmen an der Landsgemeinde ab
Photo: Otto Schmid, from Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Irrungen und Wirrungen der Demokratie

Dieses Wochenende wird gewählt. Mal wieder, in irgendeinem der 16 Bundesländer wird ja immer gewählt, könnte man meinen. Doch diese Wahl – so kann man überall hören, lesen, sehen – sei anders. Denn die Demokratie selbst könne abgewählt werden. Nur scheint dieses Argument rund 40 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt noch nicht ganz zu überzeugen. Zumindest bleiben sie bislang bei ihrer Absicht, die AfD zur stärksten Kraft zu machen.

Ein Grund dafür ist einfach: Die Demokratie selbst ist gar nicht so sehr in Gefahr; die liberale Demokratie ist es, die freiheitliche Begrenzung der Politik. Das macht die Gefahr der AfD nicht kleiner, im Gegenteil. Aber sie lässt sich nur erfolgreich bekämpfen, wenn wir sie richtig verstehen.

Die AfD steht im Kern für eine ungehinderte Durchsetzung der Ideen einer politischen Mehrheit, befreit von Schranken jeder Art. Sie will, soweit ich es sehen kann, selbst in ihren extremsten Auswüchsen weiterhin Wahlen bestehen lassen. Auch frei und geheim sollen sie bleiben, von ein paar Trump-inspirierten Zweifeln an der Briefwahl abgesehen. Undemokratisch sind die Vorstellungen der Rechten, Staatsbürgern ihre Staatsbürgerschaft und damit ihr Wahlrecht entziehen zu wollen. Doch der Vorwurf der Demokratiefeindlichkeit scheint mir weit darüber hinaus zu gehen.

Der populistische Wunsch der AfD, politische Mehrheiten gegen Grundrechte, EU-Recht und sonstige Schranken durchsetzen zu können, lässt sich nicht leicht undemokratisch nennen. Das merken auch die Wähler. Eine grenzenlos majoritäre Demokratie ist nicht undemokratisch, aber extrem illiberal.

Die Begrenzung von Mehrheitsentscheidungen ist der Kern einer liberalen Verfassung. Weder dürfen das Privatleben der Menschen durch die Mehrheit diktiert werden, noch Gesetze gemacht werden, die nur einzelne Gruppen treffen, statt allgemein zu gelten. Auch müssen die Gerichte unabhängig bleiben. Die Liste lässt sich fortsetzen. Das sind liberale Schranken für die Mehrheit. Wer dies alles der Demokratie zuschlägt, irrt.

Diese Art der begrifflichen Verwirrung ist gar nicht selten. Als ich kürzlich die Einleitung von Law, Legislation and Liberty las, war ich wieder einmal erstaunt, wie hellsichtig Friedrich August von Hayek war. Schon hier findet sich fast alles, was uns dieser Tage umtreibt: Falsch verstandene Konzepte, die Herausforderung der Technokratie, die Gefahr unbeschränkter demokratischer Macht.

AUSBLICK

Buchcover: Über die Berechnung des Rauminhalts von Solvej Balle
Photo from The Booker Prizes

Buchempfehlung „Über die Berechnung des Rauminhalts“ von Solvej Balle

Dem Alter, in dem man ungeduldig den neuen Band einer Romanreihe erwartet, entwächst man ja leider in der Regel. Doch dieses Jahr bin ich auf eine Reihe gestoßen, die diese schöne Spannung in mir wieder hervorgebracht hat: Über die Berechnung des Rauminhalts von Solvej Balle. Vier Bände sind schon auf Deutsch erschienen. Vom etwas sperrigen Titel sollte man sich nicht abstoßen lassen. Dahinter steckt eine faszinierende, fast philosophische Erkundung von Zeit und Raum und der Frage, was die eigene Persönlichkeit ausmacht. Am Anfang steht eine Frau, die den gleichen Tag immer wieder erlebt. Ein wenig wie der Film Und täglich grüßt das Murmeltier, aber dann doch ganz anders. Viel mehr kann ich jetzt auch gar nicht sagen, ohne zu viel zu verraten. Außer: Es lohnt sich!

WELTBEWEGER

Porträt von Gertrude Stein mit Hund Pepe, 1934
Photo: Carl Van Vechten, from Wikimedia (public domain)

Gertrude Stein

In dieser Rubrik stellen wir meistens Menschen vor, die die politische oder soziale Welt nachhaltig verändert haben. Meistens zum Guten, manchmal zum Schlechten. Gertrude Stein (1874-1946) war jedoch kein politisches Schwergewicht, im Zweifel eher politisch verirrt. Sie scheint mir – auch wenn andere da sicher widersprechen – auch keine ganz herausragende Schriftstellerin gewesen zu sein. Aber wie wenige andere hat sie die Kunst unserer Moderne beeinflusst, durch die Möglichkeiten, Verbindungen und Inspiration, die sie vielen der einflussreichsten Künstler im Paris der zehner, zwanziger, dreißiger Jahre geben konnte.

Geboren 1874 in Allegheny bei Pittsburgh, war sie das jüngste von fünf Geschwistern. Ihr Vater war als Kind mit seinen Eltern aus Bayern nach Baltimore gekommen, ihre Mutter dort schon als Tochter deutscher Juden geboren. Beide Eltern verstarben früh, hinterließen Gertrude und ihren Brüdern aber genug, dass diese davon lange gut leben konnten.

Als eine der ersten Frauen studierte sie zunächst Psychologie in Radcliffe, dem Frauen-College von Harvard, dann Medizin an der Johns Hopkins. Schließlich zog sie nach Abbruch des Studiums zu ihrem Bruder Leo in die Rue de Fleurus in Paris. Sie kehrte nie mehr auf Dauer in die USA zurück.

Gemeinsam mit ihrem Bruder Leo kaufte sie Kunst, deren Wert von anderen noch nicht erkannt wurde: Cézanne, Matisse, die ersten Picassos. Diese stellten sie in ihrer Wohnung aus und luden einmal die Woche Freunde zu einer Art Ausstellung ein. Später zogen ihre Lebensgefährtin Alice B. Toklas bei Gertrude ein und ihr Bruder aus. Mit Alice sollte sie ein Leben lang zusammenleben, immer unterstützt und umsorgt von ihr.

Über die Jahre saßen viele der wichtigsten Maler und Schriftsteller bei Gertrude Stein am Tisch. Picasso malte ihr Porträt, Hemingway gab ihr eine Rolle in seinen Geschichten, Fitzgerald schickte ihr den Great Gatsby. Selbst berühmt wurde sie erst 1933 mit der Autobiographie von Alice B. Toklas, einem Buch über diese Kreise. Doch die Kunst, die in den Jahren davor in Paris entstanden ist, kann man sich ohne Gertrude Stein kaum vorstellen.

HEIMAT DER FREIHEIT

Open Summit 2026: Debatte über Ostdeutschland
Photo from Prometheus

Ostdeutschland im Fokus beim Open Summit 2026

Wahlen im Osten sind anders als Wahlen im Westen. Warum? Die einen sagen, weil der Osten in den letzten Jahrzehnten unter der Dominanz des Westens gelitten habe, vom Westen in eine Nebenrolle gedrängt und bei der Wiedervereinigung über den Tisch gezogen wurde. Die anderen sehen die Probleme eher beim Osten selbst, bei einer verzerrten Wahrnehmung der letzten Jahrzehnte, schlecht verarbeiteten Umbrüchen, einer falschen Russlandverehrung – und auch bei einer fehlenden Annahme der liberalen Demokratie.

Diese heiße Debatte führen wir beim Open Summit! Und mit Dirk Oschmann und Marko Martin führen zwei der profiliertesten ostdeutschen Köpfe diese Unterhaltung bei uns, moderiert von Christina Tilmann von der „Märkischen Oderzeitung“ und der „Lausitzer Rundschau“. Diese Debatte sollte man nicht verpassen. Also schnell ein Ticket kaufen! Noch für ein paar Tickets gibt es mit Code „Vorfreude“ 50 Prozent Rabatt.