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Steuerhinterziehung – Geschichte der Besteuerung – Europe Liberty Forum – Rabbit Hole

Steuern gehören bekanntlich zum Lieblingsthema der Bundesregierung. Kein Monat vergeht ohne neue Vorschläge  für eine umfassende Steuerreform. Kaum berücksichtigt wird aber das Thema Steuerhinterziehung – die den Bürgern massiv schadet. Ein einfacheres Steuersystem könnte ihr entgegenwirken. Dafür muss die Politik sich aber vom Fokus auf Umverteilung lösen. 

ANSICHT

Photo: RICOH IMAGING COMPANY, LTD., PENTAX K-1 Mark II, from unsplash.com (Unsplash license)

Das Umsetzsteuerkarussell

Steuern gehören bekanntlich zum Lieblingsthema der Bundesregierung. Kein Monat vergeht ohne neue Vorschläge aus Reihen von Union und SPD für eine umfassende Steuerreform, die zum 01. Januar 2027 kommen soll. Allen voran der Bundesfinanzminister wirft in gewohnter Regelmäßigkeit mit neuen Umverteilungsideen um sich. Das zugrunde liegende Credo: Kleine und mittlere Einkommen entlasten, Spitzenverdiener – wer auch immer dazuzählen mag – noch stärker in die (Abgaben)-Pflicht nehmen. Das Konzept dafür will der Bundesfinanzminister in den kommenden Wochen vorlegen. 95 Prozent der Beschäftigten sollen davon profitieren. Das kostet viele Milliarden Euro. Die Gegenfinanzierung ist jedoch nach wie vor umstritten. Fortsetzung folgt.

Bei all den Debatten rund um die Umverteilung von Steuerlasten ist aber doch verwunderlich, dass vor allem ein Thema so gut wie keine Aufmerksamkeit erhält: Laut Einschätzung von Florian Köbler, dem Bundesvorsitzenden der Deutschen Steuergewerkschaft, gehen dem Staat durch Steuerhinterziehung jährlich über 200 Milliarden Euro Steuern verloren. Und dabei geht es nicht darum, dass der Durchschnittsbürger mal 3,50 Euro zu viel an Werbungskosten absetzt. Es geht um milliardenschweren, grenzüberschreitenden Betrug, insbesondere bei der Mehrwertsteuer. Laut jüngsten Schätzungen der EU-Kommission belief sich die Mehrwertsteuer-Lücke in der Union allein im Jahr 2023 auf rund 128 Milliarden Euro. Die Lücke entsteht unter anderem durch Insolvenzen oder Verwaltungsfehler, vor allem aber durch gezielten Steuerbetrug. Am verbreitetsten ist dabei das sogenannte Karussellgeschäft: Geschäfte, bei denen im Extremfall immer mit denselben Waren gehandelt wird, um Vorsteuererstattungsansprüche zu erschleichen. Die Mehrwertsteuerbetrüger hinterziehen nicht einfach Steuern, sie nutzen das europäische Steuerrecht systematisch aus und ergaunern vielmehr Geld aus den Staatskassen. Dieses Steuergeld fehlt dann sowohl im EU-Budget als auch in den nationalen Haushalten und steht damit nicht für dringend notwendige Investitionen zur Verfügung, etwa für Bildung oder Infrastruktur. Damit schaden die Kriminellen allen Bürgerinnen und Bürgern in der EU. Zur besseren Bekämpfung von Mehrwertsteuerbetrug in der EU sollen die Europäische Staatsanwaltschaft und die Anti-Betrugsbehörde zukünftig direkteren Zugriff auf nationale Umsatzsteuerdaten erhalten. Darauf verständigten sich die EU-Finanzminister Anfang Mai in Brüssel. 

Aber auch die Nationalstaaten stehen in der Pflicht, Maßnahmen gegen milliardenschweren Steuerbetrug zu ergreifen. Wie wäre es zum Beispiel, Personal bei der Bekämpfung von Steuerhinterziehung einzusetzen, anstatt es die Steuererklärungen von demnächst über 20 Millionen Rentnern und rund 26 Millionen Arbeitnehmern überprüfen zu lassen? Köbler fordert vor diesem Hintergrund, die Steuererklärung für Arbeitnehmer ohne weitere Einkünfte abzuschaffen. Damit würde auch dem größer werdenden Personalmangel in der Branche Rechnung getragen. Skandinavische Länder machen es erfolgreich vor: Dort wird die Steuer-ID mit Nachweisen über Steuervergünstigungen verknüpft, damit in Echtzeit die passende Einkommenssteuer einbehalten wird. Für eine etwaige Umsetzung bräuchte es gleichwohl eine radikale (und ja ohnehin an anderen Stellen geplante) Reform des Steuerrechts. Ach ja, und natürlich Politiker, die dazu bereit sind, einen Blick über ihre Umverteilungsfantasien hinaus zu wagen.

AUSBLICK

Photo: Princeton University Press

Buch-Empfehlung: „Rebellion, Rascals, and Revenue: Tax Follies and Wisdom through the Ages“ von Michael Keen und Joel Slemrod

Steuern und der psychologische Widerstand gegen Abgaben begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden. In „Rebellion, Rascals, and Revenue: Tax Follies and Wisdom through the Ages“ beleuchten Michael Keen und Joel Slemrod in einem historischen Längsschnitt die oft absurde Geschichte der Besteuerung. Das Buch zeigt anhand vieler unterhaltsamer Anekdoten, wie Regierungen auf teils abenteuerliche Weise versuchen, Steuern effektiv und gerecht zu erheben. Die Fenstersteuer im Vereinigten Königreich, die dazu führte, dass die Menschen ihre Fenster einmauerten, steht exemplarisch für eine Reihe bizarrer Fehlschläge, anhand derer Keen und Slemrod universelle Prinzipien erklären, die seit Jahrtausenden die Grundlage von Steuersystemen bilden. Den Autoren gelingt es dabei auf humorige Art und Weise, den trockenen Grundsätzen der Steuertheorie Leben einzuhauchen und einen historischen Präzedenzfall für nahezu jede denkbare Steuerdebatte oder -kontroverse hervorzubringen. Wer sich dem Thema mal aus einer etwas anderen Perspektive nähern möchte, dem sei ein Blick in dieses Buch empfohlen.

Mitstreiter

Photo: Prometheus - Heimat der Freiheit

Europe Liberty Forum des Atlas Network in Berlin

Am 21. und 22. Mai hatten wir die große Ehre, über 200 Freiheits-Aktivisten vom ganzen Kontinent bei uns in Berlin willkommen zu heißen. Das Europe Liberty Forum des Atlas Network fand 2026 in Berlin statt. Besonders bewegend war es, den Kolleginnen und Kollegen zu begegnen, die wirklich im Kampf um die Freiheit stehen: Die immer wieder in Tränen ausbrechenden Aktivisten aus Ungarn, die ihr Glück kaum fassen können, dass das System Orban gerade kollabiert. Oder die Kollegen vom diesjährigen Gewinner des Atlas Network Europe Liberty Award 2026, der Özgürlük Araştırmaları | Freedom Research Association um İsrafil Özkan, die in der Nacht vor der Preisverleihung erschüttert die Nachrichten der nächsten Verhaftungswellen in der Türkei verfolgen mussten. Danke all diesen Menschen für ihren Einsatz und ihr Vorbild!

Clemens Schneider eröffnete das Forum mit den Worten: “Our struggle against the ever-renewing scourges of humanity is a struggle for a society in which people unleash their creativity, realize their ambitions, and seek exchange. Our promise opens up a perspective on the world marked by trust, goodwill and optimism.” Anschließend war Florian Hartjen Teil eines Panels, das sich mit den Herausforderungen und Chancen des Liberalismus beschäftigte. Marius Drozdzewski moderierte ein Gespräch mit der polnischen Journalistin Dominika Sitnicka und dem niederländischen Journalisten Guus Valk zu “Shared Language, Diverging Values – Liberalism and The New Right in Europe”. Und Florian Hartjen leitete zusammen mit unserem ungarischen Kollegen Máté Hajba einen Co-Creation Workshop mit dem Titel “Solidarity under Pressure”. Ein riesiges Dankeschön für ein sehr gelungenes Liberty Forum geht aber vor allem an unsere lieben Kolleginnen und Kollegen von Atlas und auch ganz besonders an unsere wunderbaren Volunteers, die uns tatkräftig unterstützt haben.

Heimat der Freiheit

Photo: Prometheus - Heimat der Freiheit

Unser neuer Podcast: Rabbit Hole

Der Podcast „Rabbit Hole – Reise durch die liberale Ideenwelt“ ist unser neues Produkt für Connaisseure des akademischen Liberalismus. Marius Drozdzewski und Clemens Schneider begeben sich in die Tiefen der Geistesgeschichte, um die unterschiedlichen Landschaften zu erkunden, die Liberale über die Zeiten hinweg gestaltet haben.

Wer sich unter Libertären nur kaltherzige Marktfanatiker vorstellen kann und sie irgendwo auf der rechten Seite des politischen Spektrums verordnet, den wird die erste Folge des liberalen Rabbit Hole überraschen. In dieser Folge widmen sich Clemens und Marius den Bleeding Heart Libertarians, die sich unter dem Slogan “Free Market & Social Justice” online zusammengefunden haben. Sie erzählen, wie es dazu kam, und diskutieren, ob sich die Ideen für heute eignen.