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Niederlande-Wahl – Moralische Ambitionen – Frank Rijkaard und Rudi Völler – Freiheitslexikon

Die Wahl in den Niederlanden hat gezeigt: eine optimistische Fortschrittserzählung kann auch im Jahr 2025 mitreißen und begeistern. Die sozialliberale D66 hat in ihrem Wahlkampf mitnichten das Rad neu erfunden, sie hat aber das verlorengeglaubte Vertrauen in den begründeten Optimismus wiederentdeckt. Als jemand, der drei Jahre in Amsterdamtudiert und gelebt hat, habe ich die Wahlen mit besonderer Spannung verfolgt.

ANSICHT

Photo: silvia trigo from Unsplash (CC 0)

Optimismus-Schwung in der Nachbarschaft

Die Wahl in den Niederlanden hat gezeigt: eine optimistische Fortschrittserzählung kann auch im Jahr 2025 mitreißen und begeistern. Die sozialliberale D66 hat in ihrem Wahlkampf mitnichten das Rad neu erfunden, sie hat aber das verlorengeglaubte Vertrauen in den begründeten Optimismus wiederentdeckt. Als jemand, der drei Jahre in Amsterdamtudiert und gelebt hat, habe ich die Wahlen mit besonderer Spannung verfolgt.

Eigentlich blickt der Liberalismus von jeher optimistisch in die Zukunft. Die Formel ist simpel: durch fortschreitende Freiheitsrechte und wachsenden Wohlstand wird alles besser. Das Individuum wird nicht unterdrückt und kann sich darum selbst sein Glück schaffen. Und die freie Marktwirtschaft produziert Güter, die das Leben aller besser machen. Diese Erzählung war jahrhundertelang identitätsstiftend für freie, westliche Gesellschaften.

Doch die Zeiten scheinen sich geändert zu haben. Anstatt Zukunftsoptimismus herrscht eher Weltuntergangsstimmung. Und der Pessimismus ist zum Teil begründet: Klimawandel, Migrationsprobleme, Krieg in Europa, wachsende Ungleichheit, Rechtsruck, steigende Gewalt, Wirtschaftsniedergang – machen all diese Probleme die Vision von Freiheit und Fortschritt nicht unmöglich?

Genau auf diesen Zweifel antwortet der Slogan von D66: het kan wél – ja, doch! es ist möglich. Mit unbekümmertem Optimismus hat der dauerlächelnde Parteivorsitzende Rob Jetten in den Talkshows und auf TikTok Zuversicht versprühend seine frohe Botschaft verbreitet. D66 zog keine Feindbilder heran, sondern malte eine Bullerbü-artige Vision von Gesellschaft, in der alle an einem Tisch sitzen können. Oder sie versprach, dass ihre – mitnichten tiefgreifenden – Veränderungsplane des Gesundheitswesens zur „gesündesten Generation aller Zeiten“ führen würden.

Das zentrale Thema in Jettens Wahlkampf war die in den Niederlanden grassierende Wohnungsnot. Als Lösungsvorschlag präsentiert D66 den fast schon wahnwitzigen Plan, einfach zehn neue Städte zu bauen. Das ist zwar Staatsinterventionismus deluxe, passt aber in das Bild der größeren, besseren, reicheren Zukunft. Zudem hat D66 sich damit zum issue owner des wichtigsten linken Themas gemacht, womit sie den grünen Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln nahm. Auf der anderen Seite beschwichtigte Jetten die Konservativen durch Kursänderungen bezüglich Migration und Militär in Richtung Fortress Liberalism.

Doch dass Jettens pragmatisch-optimistischer Wahlkampf derart verfangen konnte, liegt auch an seiner originellen Haltung im Kulturkampf. Während die meisten Liberalen sich aus Kulturfragen entweder heraushalten, oder sich geneigt fühlen, sich in bestimmten Themen entweder den Linken oder den Rechten anzubiedern, hat D66 eine auffällige eigene Positionierung gefunden.

Erklärtes Ziel war es, die niederländische Flagge von den Rechten zurückzuerobern. Rob Jetten hielt vor wehenden rot-weiß-blauen Fahnen Reden, in denen er erklärte, er sei Patriot, gerade weil die Niederlande seit Jahrhunderten eine tolerante, liberale und lösungsorientierte Gesellschaft sind.  In einem Interview fasste er das niederländische Wesen folgendermaßen zusammen: „hier ist ein Problem – toll, lass es uns angehen“. Als Antwort auf eine Frage nach der niederländischen National-Identität klingt das eher nach mental gymnastics als einer anschlussfähigen Erzählung – doch Millionen Niederländer haben sich genau darin wiedergefunden.

AUSBLICK

Buchempfehlung – "Moralische Ambition" von Rutger Bregman

Weil ich Fernweh nach meiner zweiten Heimat habe, bleibt das heute ein Niederlande-Newsletter.

Rutger Bregman ist so etwas wie ein niederländischer Richard David Precht, den viele als belehrend und nervig empfinden, der aber trotzdem von allen gelesen wird. Mit seinem neuesten Buch hat Bregman sich sein Moralisten-Image stolz zu eigen gemacht, die Kernbotschaft von Moralische Ambition lautet: Du tust nicht genug Gutes.

Eigentlich sollte es eine Geschichte des Abolitionismus werden. Bregman war fasziniert von den Anti-Sklaverei-Aktivisten im 18. und 19. Jahrhundert – Menschen wie William Wilberforce, die ihr ganzes Leben fast schon manisch dafür einsetzten, eine Gesellschaft, die kein moralisches Problem in der Sklaverei sah, vom Gegenteil zu überzeugen. Dass es den Abolitionsaktivisten in jahrzehntelanger, hartnäckiger Öffentlichkeitsarbeit tatsächlich gelang, die öffentliche Meinung zu drehen, sorgte letztendlich für die Freilassung von Millionen Versklavten und das Ende dieser entsetzlichen Institution im gesamten britischen Empire und darüber hinaus. Fraglos einer der wichtigsten moralischen Fortschritte der Menschheitsgeschichte.

Für Bregman zeigt die Geschichte des Abolitionismus, wie viel Gutes ein einzelner Mensch potenziell erreichen könnte. Jeder Mensch hätte das Potenzial, bedeutsame Fortschritte im Kampf gegen Hunger, Malaria, Luftverschmutzung oder andere gegenwärtige Geißeln der Menschheit zustande zu bringen – man müsste sich nur einem solchen hehren, aber erreichbaren Ziel voll und ganz verschreiben.

Viele von uns besäßen dieses Potenzial, die Welt merklich zu verbessern. Für Bregman folgt daraus, dass es eigentlich keine Entschuldigung dafür gibt, dieses Potenzial zu vergeuden. Die meisten Menschen täten allerdings genau dies: anstatt sich für sinnvolle Projekte einzusetzen, verschwendeten sie ihre Zeit in Jobs, die niemandes Leben wirklich besser machten.

WELTBEWEGER

Photo: Wikimedia Commons (CC 0)

Frank Rijkaard & Rudi Völler

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die deutsch-niederländischen Beziehungen aus guten Gründen stark belastet. Symptomatisch dafür stand die Feindschaft zwischen den Fans beider Fußball-Nationalmannschaften: selbst bei einem Freundschaftsspiel kam es 1989 in Rotterdam einmal zu stundenlangen Hooligan-Prügeleien mit mehreren Schwerverletzten. Einer meiner holländischen Philosophie-Dozenten erzählte mir ohne Reue wie er nach einer niederländischen Niederlage gemeinsam mit anderen frustrierten Fußballfans ein parkendes Auto anhob und auf die Seite warf – bloß, weil es ein deutsches Kennzeichen hatte. Symbol der niederländisch-deutschen Fußball-Fehde ist bis heute ein Bild aus dem WM-Achtelfinale 1990, auf dem zu sehen ist wie der holländische Verteidiger Frank Rijkaard seinem Gegenspieler Rudi Völler von hinten in die Haare spuckt.

Jahre später entschuldigte sich Rijkaard bei Völler. Auf einem Foto des versöhnlichen Treffens sieht man die beiden mittlerweile pensionierten Fußballer lächelnd und im Bademantel gemeinsam Eier essen. Auch dieses Bild besitzt inzwischen symbolhaften Charakter – denn die einstmalige Feindschaft zwischen Deutschen und Niederländern hat sich mit der Zeit sowohl im Fußballstadion als auch auf der Straße zu freundschaftlicher Rivalität gewandelt. 

Während mein Vater, der 25 Jahre vor mir ebenfalls in Holland studierte, noch tatsächliche Beleidigungen aufgrund seines Deutschseins erlebte, waren es in meiner Studienzeit nur noch ein paar liebevolle Witze. Der Klassiker – „geef me mijn fiets terug!“ („gib‘ mir mein Fahrrad zurück!“) – spielt darauf an, dass die NS-Besatzungsmacht holländische Fahrräder von der Straße stahl, um den Stahl zu Waffen zu verarbeiten. Früher wurde dieser Satz gern feindselig-gehässig geäußert, heute ist er bloß ein onschuldig grapje. Zwei Eier-essenden Fußballern sei Dank?

Heimat der Freiheit

Re-Design des Freiheitslexikons

Eine sehr gute Adresse, um sich über die wichtigsten Ideen und Denker des Liberalismus zu informieren ist unser Freiheitslexikon – zu finden unter freiheitslexikon.de. Dieses Liberalismus-Wiki haben wir nun mit überarbeitetem Design und verbesserter Navigierung neuveröffentlicht. Wer an der Geschichte der ersten liberalen Gesellschaften in den Niederlanden, England und den USA interessiert ist, in die Philosophien der Freiheit oder in grundlegende Wirtschaftstheorien eintauchen möchte, oder eine fundierte, liberale Perspektive zu Themen wie Gentechnik, Drogen oder KI sucht, wird im Freiheitslexikon fündig. [Anm. d. Red.: Was der Verfasser hier diskret verschwiegen hat, ist dass ein Großteil der Arbeit an der Generalsanierung der Website von ihm geleistet wurde … Danke dafür!]