Essay, Team-Beitrag

Liberalismus ist das Gegenteil vom Egotrip

Von Clemens Schneider

„Um frei zu sein, muss ein Mensch frei sein von seinen Brüdern. Das ist Freiheit. Das und nichts anderes.“ Diese Worte stammen nicht aus einem Satirebeitrag über Liberale. Sie stammen von der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand (1905-1982), die traumatisiert von den Erfahrungen der Russischen Revolution zu einer der einflussreichsten Bannerträgerinnen der Idee des Individualismus im 20. Jahrhundert wurde.

Wenn man die Macher von „Die Anstalt“ oder eine Redakteurin von „Der Freitag“ ein Bild von Liberalen zeichnen lassen würde, könnte etwas ähnliches rauskommen. Und inzwischen kommen solche Vorwürfe auch von der rechten Seite: etwa bei dem amerikanischen Intellektuellen Patrick Deneen oder den von ihm beeinflussten Politikern wie Viktor Orban und JD Vance. Liberale sind unangenehme Zeitgenossen, die nur auf ihren Vorteil sehen.

Ein ermutigender Ritt durch die Ideengeschichte

Dieser wenig schmeichelhafte Ruf ergibt sich aber nicht nur aus blindem Hass gegenüber dem Liberalismus. Das liegt schon auch an den Liberalen selber. Kein Tempolimit, Steuern runter, Bürgergeld kürzen und zuletzt auch immer mal wieder gerne Grenzen dicht, sind halt politische Forderungen, die nahelegen, dass man die eigene Position verbessern möchte. Anliegen anderer Gruppen, zumal benachteiligter, werden ignoriert, beiseite gewischt und bisweilen sogar aktiv bekämpft. Sogar solche Anliegen, die genuin liberale Prinzipien berühren wie Vertragsfreiheit oder Non-Interventionismus.

Muss das sein? Sollte man als Liberaler einfach sein Schicksal akzeptieren, die Rolex anlegen, das Polohemd überstreifen und in den Porsche steigen?

Das verbietet sich allein schon aus Respekt vor Liberalen in anderen Teilen dieser Welt, die ganz andere Kämpfe zu bestreiten haben als um den Erbschaftsteuersatz oder die nächste Quatschregulierung aus Brüssel. Der Liberalismus ist ein gewaltiges Feuer, das in den Menschen brennt, die sich gegen massive, zum Teil sogar tödliche, Widerstände für die Eigentumsrechte von Frauen oder den Zugang zu fairer Rechtsprechung einsetzen. Die Werte des Liberalismus sind das Lebenselixier der Menschen, die sich gegen die Genozide an der uighurischen Bevölkerung von Ostturkestan erheben oder in den Lagern und Gefängnissen in Belarus, Venezuela, Iran, Uganda und Russland weggesperrt sind.

Es verbietet sich aber auch aus anderen Gründen noch, Liberalismus als Egonummer zu betreiben. Denn das widerspricht wesentlichen Traditionen liberaler Überzeugungsgeschichte.

Der Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) zog seinen Schluss aus dem Elend von Jahrzehnten Bürgerkrieg in Europa: Irgendwas ist grundlegend kaputt bei uns. Der Naturzustand des Menschen sei ein Krieg aller gegen alle. Erst der Staat zivilisiere den Menschen zu einem halbwegs friedlichen Wesen – zumindest, solange er den Daumen draufhält.

Anthony Ashley Cooper (1671-1713), ein Schüler von Hobbes’ Gegenspieler John Locke (1632-1704), reagierte auf diese Einschätzung mit dem Hinweis, die negativ konnotierte Aussage, Menschen wären untereinander wie Wölfe, sei „doch etwas absurd, wenn man bedenkt, dass Wölfe untereinander sehr freundliche und liebevolle Wesen sind. Beide Geschlechter pflegen und umsorgen die Jungen in enger Zusammenarbeit, und diese vertraute Verbindung besteht auch zwischen ihnen fort. Sie heulen einander an, um sich Gesellschaft zu holen, sei es zum Jagen, um sich ihrer Beute zu nähern oder um sich nach der Entdeckung eines frischen Kadavers zusammenzufinden.“ Der Mensch ist – wie der Wolf – ein Gemeinschaftswesen, bereit und mehr noch: bedürftig, Bindung eizugehen, Empathie aufzubringen und sich das Wohl des anderen zu eigen zu machen.

Auf diesem optimistischen Menschenbild bauten auch die großen Vordenker des Liberalismus auf: David Hume (1711-1776), Adam Smith (1723-1790) und Adam Ferguson (1723-1816). Hume sagt: „Eine Neigung zum Gemeinwohl, zur Förderung des Friedens, der Eintracht und der Ordnung in der Gesellschaft, scheint uns beständig dazu zu bewegen, uns für soziale Tugenden einzusetzen, indem sie die wohlwollenden Prinzipien unseres Denkens anspricht.“ In seinem großartigen Werk „A Theory of Moral Sentiments“ hält Smith fest, dass „viel für andere und wenig für uns selbst zu fühlen, unseren selbstischen Neigungen im Zaune zu halten und unseren wohlwollenden die Zügel schießen zu lassen, die Vollkommenheit der menschlichen Natur ausmacht“. Und Ferguson beobachtet das „Prinzip der Liebenswürdigkeit, das keine einseitigen Unterscheidungen kennt und an keine Grenzen gebunden ist. Es kann seine Wirkung über das uns persönliche bekannte Umfeld hinaus ausdehnen. Es kann uns, zumindest in unserem Denken und unseren Vorstellungen, das Gefühl der Verbundenheit mit dem ganzen Universum gewähren.“

Aber nicht nur schwärmerische Aufklärer waren der Überzeugung, dass der Mensch ein Wesen ist, das in von gegenseitigem Wohlwollen und Wertschätzung geprägten Beziehungen zu sich selbst findet. Auch der nun wirklich nicht für Sentimentalitäten bekannte Ökonom Ludwig von Mises (1881-1973) hat ein positives Bild von zwischenmenschlichen Abhängigkeiten gezeichnet: „Indem jeder sein Leben so einrichtet, dass sein Handeln ein Stück gesellschaftlichen Handelns wird, ist er genötigt, es dem Wollen der Mitmenschen anzupassen. So ist jeder vom anderen nicht stärker abhängig als der andere von ihm selbst. Das ist es, was man unter äußerer Freiheit zu verstehen pflegt.“ Und: „Die vornehmste Wirkung der Arbeitsteilung ist, dass sie aus dem unabhängigen Individuum den abhängigen Gesellschaftsmenschen macht.“

Freiheit entsteht nicht, indem man sich von den anderen abkapselt, sondern indem man sich mit Verve in die Gemeinschaft um einen herum einbringt und sich in Abhängigkeiten begibt. Denn jeder Austausch auf dem Markt schafft Abhängigkeit zwischen den Vertragspartnern. Mit jedem Diskurs, auf den wir uns einlassen, machen wir uns davon abhängig, vom anderen zu lernen, was wir selbst nicht begreifen. Und überhaupt können wir unsere Individualität, die ja die Basis gelebter Freiheit ist, nur dann entfalten, wenn wir uns immer und immer wieder in ernsthafte und bedeutsame Beziehungen begeben.

Die liberale Antwort auf kollektivistische Fantasien und die sich daraus ergebenden Übergriffe sollte nicht kalter Individualismus sein, der am Ende nur Ego-Tripper und Misanthropen anziehen wird. Unsere Antwort muss lauten: Wenn es Dir auch um andere Menschen geht, dann ist unsere Wertesystem das beste für Dich. Denn das Ziel des Liberalismus ist es durch die Zeiten gewesen, „die Freiheit der anderen zu hegen wie die eigene, sie zu verteidigen aus Liebe zu Rechtschaffenheit und Menschenfreundlichkeit und nicht nur als einen Anspruch“, wie es der britische Historiker John Acton (1834-1901) einmal formulierte. Darum waren – so der Ökonom und Philosoph Friedrich August von Hayek (1899-1992) – freie Gesellschaften „Ausgangspunkte aller großen humanitären Bewegungen mit dem Ziel aktiver Hilfe für die Schwachen, Kranken und Unterdrückten.“

Wenn Rolex-Polohemd-Porsche-Personen liberale Anliegen unterstützen wollen, sollen sie das gerne tun. Aber ein Liberalismus, der seinen Ursprüngen und damit auch seinen Erfolgen treu sein will; ein Liberalismus, der auch in Zukunft weitere Freiheitsräume entdecken und ermöglichen will, muss sich vor allem an die wenden, die immer mal wieder als Weltverbesserer oder Gutmenschen verspottet werden. Die Heldinnen und Helden der Freiheit weltweit und durch die Geschichte haben immer wieder bewiesen, dass der Gegensatz zwischen Altruismus und Egoismus künstlich ist, den linke und konservative Moralisten immer wieder aufmachen. Adam Ferguson hat beobachtet: „es kann gut sein, dass ein Mensch einen größeren Vorteil aus der Wohltat zieht, die er einem anderen erwiesen hat als aus etwas, das er für sich selbst getan hat.“ Und auch Hayek meinte: „Es ist zweifellos ein Element der Natur der meisten Menschen und vielleicht sogar die wichtigste Bedingung ihres Glücks, dass sie die Wohlfahrt anderer Menschen zu ihrer Hauptaufgabe machen.“

Die Liberalen lieben das Abenteuer, mit anderen Menschen zusammen Neues zu entdecken, zu lernen und weiterzukommen. Sie interessieren sich für ihre Abenteuergefährten. Sie fühlen mit ihnen. Sie lassen sich helfen und helfen selbst. Sie sind voller Optimismus, Wohlwollen und Vertrauen. Und viele von ihnen haben ein tief sitzendes Bedürfnis, sich die Freiheit der anderen zueigen zu machen.

Nehmen wir uns in diesem Sinne zu Herzen, was der dezidiert liberale Punk-Folk-Sänger Frank Turner singt: “Like a beacon reaching out/To you and yours from me and mine/Be more kind, my friends/Try to be more kind.”

Erstmals erschienen im JuLi Magazin 1/2025.

Autor

Clemens ist einer der beiden Gründer von Prometheus und fungiert als Direktor für Programm und Netzwerk vor Ort in Berlin.