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Land of the Free – John Adams – Edward Atkinson – neue Folge Rabbit Hole

In den vergangenen Jahrzehnten wurden in allen Bereichen die Kompetenzen des Staates hemmungslos ausgebaut. Was sollte schon passieren? Die Bildungspolitik ist dafür das beste Beispiel – immer mehr Themen, die Aufgabe von Familien sind, wurden an die Schulen ausgelagert. Diese Fülle an Kompetenz droht jetzt in die Hände von Menschen zu fallen, die womöglich den demokratischen Rechtsstaat ablehnen. 

ANSICHT

Photo: Wikimedia Commons (CC 0)

Der Anspruch bleibt: The Land of the Free

Unser Blick auf die Vereinigten Staaten ist verständlicherweise gerade schwer gestört. Und während der Staat morgen sein Vierteljahrtausendjubiläum feiert, scheint er innerlich in einer schweren Krise zu stecken. Mal wieder, muss man sagen. Denn auch zu den Zeiten der Bürgerrechtsbewegung gab es schier unversöhnliche Gegensätze und massive Konfrontationen. Und der amerikanische Bürgerkrieg war einer der letzten, der in einem der Länder der westlichen Welt ausgefochten wurde.

Aber gleichzeitig gibt es kaum ein Land, das wieder und wieder einen so hohen moralischen Anspruch an Politik angelegt hat. Kein Wunder, denn die ersten Europäer, die mit der Besiedelung der heutigen USA begannen, waren religiös Überzeugungstäter, mithin Fanatiker, die ihr Gewissen über alles stellten. Und auch in den Jahrhunderten danach wurden die Zuwandernden zu relevanten Teilen durch die Verheißung des „Land of the Free“ angezogen: ob das die europäischen Revolutionäre von 1848 waren, die russischen Revolutionsopfer von 1917 oder in den letzten Jahrzehnten Kubaner, Vietnamesen, Chilenen, Iraner, Chinesen … All diese Menschen haben den Anspruch aufrechterhalten und erneuert, der schon 1630 von dem damaligen Gouverneur von Massachusetts formuliert wurde: „Wir müssen die Stadt auf dem Hügel sein, die von überall zu sehen ist.“

Grundlage dieses Selbstverständnisses ist natürlich der nach wie vor sehr lebendige christliche Glaube. Zugleich aber auch die – in Orten wie Washington überall ins Auge springende – Kontinuität mit den Republiken der Antike, als deren wahre Erben und einzig legitime Wiederentdecker sich schon die Gründungsgeneration der USA verstand. So wenig Athen und Rom oft den selbstgesetzten republikanischen Idealen in der Praxis nachkamen, so wenig ist das auch den Vereinigten Staaten gelungen. Doch der Unterschied von Athen und Rom damals wie auch der USA heute zu anderen Staatswesen ihrer Zeit war, dass man überhaupt einen solchen Maßstab formulierte. Weder das alte Perserreich noch die gallischen Stämme, weder das chinesische Regime noch Warlords und Oligarchen des globalen Südens müssen sich vor solchen ungeschriebenen Gesetzen rechtfertigen.

Einer meiner absoluten Lieblinge in der amerikanischen Politik der letzten 250 Jahre ist John McCain (1936-2018), dessen Integrität und Unabhängigkeit, vor allem aber Idealismus ihn unabhängig von konkreten politischen Positionen zu einem solchen menschlichen Orientierungspunkt machten wie die USA es als Staat sein wollen. Dazu passen die Worte aus der Rede, die er keine zwei Wochen nach seiner tödlichen Gehirntumor-Diagnose im Senat hielt – und die für jene USA stehen, deren Existenz wir europäischen älteren Geschwister auch in dunklen Stunden nicht vergessen sollten:

„Wir sind die Diener einer großen Nation, einer [wie Lincoln in Gettysburg sagte] ‚Nation, welche der Freiheit ihr Dasein verdankt und welche auf den Grundsatz vereidigt ist, dass alle Menschen als Gleiche erschaffen werden.‘ Mehr Menschen haben hier ein Leben in Freiheit und Wohlstand gelebt als in irgendeinem anderen Land. … Amerika hat mehr als irgendein anderes Land dazu beigetragen, dass eine internationale Ordnung entstand, die mehr Menschen aus Tyrannei und Armut befreit hat als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Wir waren das bedeutendste Vorbild, der wichtigste Unterstützer und der größte Verteidiger dieser Ordnung. Wir haben keine Angst. Wir begehren nicht anderer Menschen Land und Wohlstand. Wir verstecken uns nicht hinter Mauern. Wir durchbrechen sie. … Welch größerer Sache könnten wir uns in den Dienst stellen als mitzuhelfen, dass Amerika der starke, ambitionierte und inspirierende Leuchtturm der Freiheit bleibt, der Verteidiger der Würde aller Menschen und ihres Rechts auf Freiheit und Gerechtigkeit? Das ist das Ziel, das uns zusammenbindet, das so viel stärker und wertvoller ist als die kleinen Gegensätze, die uns trennen können.“

AUSBLICK

Serien-Empfehlung: "John Adams"

Mit der siebenteiligen Miniserie „John Adams“ aus dem Jahr 2008 kann man einen informierten und zugleich unterhaltsamen Tauchgang in das Amerika der Revolutionszeit unternehmen. Sie begleitet die verschiedenen Stationen des zweiten US-Präsidenten von der Boston Tea Party über die Konflikte über das Wesen des neuen Staates bis zur Wahl seines Sohnes zum sechsten Präsidenten des Landes. Natürlich werden dabei auch viele der anderen Helden des Unabhängigkeitskampfes beleuchtet, ganz besonders sein (von Tom Wilkinson brillant gespielter) Gegenspieler Thomas Jefferson. Die beiden Founding Fathers starben übrigens, nur Stunden auseinander, am 4. Juli 1826, dem fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit.

In der Ästhetik klassischer Historienserien aufgezogen, ist die Serie doch oft politiktheoretisches und -praktisches Kammerspiel. Die perfekte Unterhaltung für Geschichts- und Politiknerds mit einer Reihe von herausragenden Schauspielern.

WELTBEWEGER

Photo: Wikimedia (Creative Commons (CC 0)

Edward Atkinson

Das eklatante Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit der USA haben gerade auch Denker und Aktivisten der klassisch-liberalen und libertären Tradition mit großer Bestimmtheit und Engagement kritisiert und bekämpft. So der Unternehmer Edward Atkinson (1827-1905) aus Brookline in Massachusetts, der im Textilgeschäft startete, später im Versicherungswesen reüssierte und zwischendrin auch als Tüftler tätig war, unter anderem als Erfinder eines frühen Schongartopfes, des „Aladdin Cooker“.

Als Gegner der Sklaverei brachte er sich unter anderem bei der Free Soil Party ein, für die ein Enkel von John Adams 1848 als Vizepräsidentschaftskandidat antrat, und beim Boston Vigilance Committee, das Sklaven bei der Flucht half. Als sich keine Lösung der Frage anbahnte, organisierte er Fundraising für bewaffnete Guerillagruppen in den Südstaaten.

Atkinson begeisterte sich für die Ideen von Adam Smith und den Einsatz der britischen Freihandels-Apologeten Richard Cobden und John Bright. In seinem 1892 erschienen Werk „Taxation and Work: A Series of Treatises on the Tariff and the Currency” wandte er sich nicht nur gegen Beschränkungen des Freihandels, sondern fand auch starke Worte gegen Inflationstendenzen seiner Zeit. Und als die Vereinigten Staaten sich um die Jahrhundertwende anschickten, im verwerflichen Spiel der Kolonialmächte mitzumischen, wurde er mit über 70 Jahren noch zu einer der führenden Gestalten der American Anti-Imperialist League.

Heimat der Freiheit

Neue Folge von Rabbit Hole zu Fusionism

Und auch in unserem Prometheus Podcast „Rabbit Hole“ spielen die USA eine zentrale Rolle. Wer für die Freiheit kämpft, kann sich seine Verbündeten selten aussuchen. Davon handelt die zweite Folge: vom Fusionism, dem Bündnis, das Marktliberale, Traditionalisten und Antikommunisten nach 1945 mit den Konservativen schlossen. Clemens und Marius gehen ihrer Geschichte nach, schauen sich an, wie Frank Meyer Freiheit und Tugend versöhnen wollte, und fragen, was vom Fusionism nach dem großen Realignment heute noch übrig ist.