Der Umgang mit KI – Die Bedingungen der Freiheit – Abigail Adams
- by Josef
Kaum ein Liberaler würde bestreiten, dass künstliche Intelligenz große Chancen mit sich bringt. Doch klar ist auch: KI kann den Willen, selbst zu lernen, erschlaffen lassen. Der Liberalismus setzt jedoch auf Selbstentfaltung und damit genau auf diesen Willen. Wie also nutzen wir KI am besten?
ANSICHT
Künstliche Intelligenz und der Mensch
Ich setze auf die Chancen durch KI. Ich profitiere schon heute davon. Webseiten sind programmiert, die ich in Monaten nicht geschafft hätte, lästige Aufgaben automatisiert, in Sekunden riesige Quellensammlungen erstellt. Noch viel mehr erhoffe ich mir von der Zukunft: mehr Fortschritt, mehr Freiheiten.
Und doch fällt es mir auch an mir selbst auf, wovon man im Internet und in Zeitungen lesen kann: dass nach längerer KI-Nutzung oft der Wille erschlafft, selbst zu lernen, selbst zu verstehen, selbst zu schreiben. Ein großer Text steht an und die Deadline rückt immer näher – da lockt der Ruf des schnell erstellten Textes. Und auch wenn man diese Sorgen bei Buchdruck, Schreibmaschine und Rechtschreibprüfung ebenso hatte – vielleicht ist es doch anders, dieses Mal?
Der Buchdruck hat die liberale Öffentlichkeit erst ermöglicht; die Debatten der Gründerväter in den Zeitungen des jungen Amerikas sind heute noch lesenswert. Bestimmte Kulturtechniken beeinflussen also die politische Welt, allein schon durch das, was sie ermöglichen und was sie hinter sich lassen. Gerade für uns Liberale – für die Selbstentfaltung, Selbstverwirklichung, Bildung als Auftrag und Möglichkeit des Menschen zentral sind – ist die Gefahr groß, wenn das Sich-selbst-Bilden so angenehm entschwindet.
Diese Gefahr bringt KI mit sich. Es scheint mir wenig hilfreich, zu debattieren, ob man diese Technologie deshalb verbieten sollte – so viele Möglichkeiten verschenken?! –, aber fragen müssen wir uns doch: Wie nutzen wir sie am besten, für uns als Menschen? Denn die Gewohnheiten und Institutionen rund um unsere vielen Kulturtechniken, die ergeben sich ja nicht von selbst. Sie sind das Ergebnis des Denkens und Probierens von vielen.
Es lohnt sich, die Probleme und die Möglichkeiten genau zu beobachten, von anderen zu lernen, eigene Lösungen zu entwickeln. Damit mache ich dann jetzt mal weiter.
AUSBLICK
Buch-Empfehlung: „Die Bedingungen der Freiheit“ von Ernest Gellner
In der Rückschau wird die Zeit nach dem Fall der Mauer häufig als ein einziger großer Freudentanz beschrieben, der rund fünfzehn Jahre andauerte. Keiner könne geahnt haben, dass Osteuropa und insbesondere Russland sich nicht in lupenreine, liberale Demokratien verwandeln würden. Keiner könne vermutet haben, dass Nationalismus und Religion in ihren illiberalen Varianten wieder aufkommen würden.
Ernest Gellner allerdings hat all dies schon 1994 in seinem Buch „Die Bedingungen der Freiheit“ (Conditions of Liberty) nicht nur vermutet, sondern auch im Detail analysiert. Dabei verbindet er eine Analyse der Gesellschaften, die hinter dem Eisernen Vorhang wieder auftauchten, mit einer großen Theorie der Zivilgesellschaft, die auch die Rolle von Religion und Nationalismus in der Moderne zu erklären versucht. Hier werden Adam Ferguson, Ibn Khaldun und David Hume in einen Dialog gebracht: eine große Leseempfehlung.
WELTBEWEGER
Abigail Adams
Letzte Woche hat Amerika 250 Jahre Unabhängigkeit gefeiert, und gefeiert wurden, wie immer, die Gründerväter. Doch schon 1776 ist manchen aufgefallen, dass die Rechte des Menschen nicht nur die Männer betreffen.
Am 31. März 1776 schrieb Abigail Adams an ihren Mann John nach Philadelphia, wo dieser die Unabhängigkeitserklärung mit vorbereitete: „Remember the Ladies.” Wer neue Gesetze mache, dürfe Ehemännern keine unbeschränkte Macht geben, denn alle Männer wären Tyrannen, wenn sie könnten. Und Frauen würden sich nicht an Gesetze gebunden fühlen, die ihnen weder Stimme noch Vertretung geben. Damit wendete Abigail Adams das Argument der Revolution kurzerhand auf die Revolutionäre selbst an.
Dabei hatte sie das nicht gelehrt bekommen: 1744 als Pfarrerstochter in Weymouth bei Boston geboren, sah sie nie eine Schule von innen und fand ihre Bildung stattdessen in der Bibliothek ihres Vaters. Mit neunzehn heiratete sie den jungen Anwalt John Adams. Während er in Philadelphia die Revolution organisierte, brachte sie zu Hause die Farm, die Finanzen und vier Kinder durch den Krieg. Über tausend Briefe haben Abigail und John einander geschrieben – ein Schatz an Selbstzeugnissen der amerikanischen Gründungszeit.
Abigail Adams’ Liberalismus blieb nicht bei großen Worten. Das Ehegüterrecht ihrer Zeit sprach verheirateten Frauen jedes persönliche Eigentum ab. Sie ließ sich davon jedoch nicht beirren, investierte in Staatsanleihen statt, wie von ihrem Mann bevorzugt, in Land und baute so über die Jahre ein Vermögen in ihrem eigenen Namen auf. Mit 71 Jahren setzte sie dann ein Testament auf und vererbte ihr Eigentum, auch wenn es ihr rechtlich nicht gehörte.
John Adams hat 1776 übrigens über ihre Forderung nur gelacht: Der „Despotie des Unterrocks” werde man sich nicht unterwerfen, spottete er über die angedrohte Rebellion der Damen. Erfolg hatte diese Rebellion trotzdem; sie hat nur etwas länger gebraucht als die amerikanische.