Ideenlosigkeit – Techno-Humanist Manifesto – Julian Simon
- by Josef
Der Gegensatz von dem, was man sieht, und dem, was man nicht sieht: Wie deutlich wissen wir darum, wenn es um staatliches Handeln geht. Aber die Lektion, dass Absichten oft gegenteilige Folgen zeitigen, ist nicht auf den Staat beschränkt. Menschen gestalten zum Beispiel auch die digitale Welt – ganz häufig mit völlig ungeplanten Ergebnissen. Die Kluft zwischen Absicht und Resultat sollten wir im Kopf behalten: Nicht nur beim Staat, sondern bei allen Formen menschlichen Handelns.
ANSICHT
Die Ideen des Merz
Friedrich Merz holt dieser Tage seine Vergangenheit ein. Wie schön muss für ihn die Zeit als Oppositionsführer gewesen sein, als er die Ideenlosigkeit der Liberalen und die dysfunktionalen Vorschläge von Rot-Grün geißeln konnte. Schulden, Subventionen, verschlafene Reformen: alles schlecht! Schlecht auch, dass sich am Ende immer Rot-Grün mit kurzfristigen Pflastern à la Tankrabatt und Einmalprämien durchsetzte, wenn es um akute Krisen ging. Heute werden Merz all seine O-Töne dieser Zeit wieder vorgehalten. Das wird aber nichts an seinem Kurs ändern, denn jetzt sind die Konservativen in der Position der Liberalen. Zwar haben sie nur eine Fraktion, mit der sie verhandeln müssen, und deutlich mehr Einfluss und Ämter als die Liberalen. Mehr Ideen haben sie aber leider nicht. Diese braucht es jedoch, um sich in Verhandlungen durchzusetzen. Denn ohne eigene Ideen hat man den nie um eine ausgabenschwere Idee verlegenen Sozialdemokraten nichts entgegenzusetzen. Schon deshalb werden Woche für Woche die alten Ideen aus Ampel- und Merkelzeiten aus der Schublade gezogen, zur großen Freude aller Staatsbegeisterten. Das ist womöglich der größte Fehler des Friedrich Merz: Dass er die dreieinhalb Jahre der Opposition nicht dafür genutzt hat, Ideen und Köpfe in seiner Partei zu fördern, Alternativen zu entwickeln. Die Liberalen sollten hier aufmerksam zusehen, wie am Ende jeder Reform- und Entlastungsverhandlung die Union geschlagen vom Feld zieht. Denn sie wollen, anders kann man die aktuellen Debatten nicht verstehen, sich nach der Ampelerfahrung ganz geschichtsvergessen gleich wieder auf diesen Weg begeben. Ideen habe man ja genug; viel zu viele akademische Debatten habe es im organisierten Liberalismus gegeben, jetzt müsse mal wieder breitenwirksam gearbeitet werden. Also das Merz-Modell probiert werden. Das mag nur den trösten, der sowieso hofft, nie wieder regieren zu müssen. Aber bei den gegenwärtigen Trends in den Umfragen scheint klar: Egal, wer gewinnt, sie alle werden in die nächste Mitte-Koalition hineingezogen. Und dann wird es wieder so kommen: Wer keine Ideen hat, verliert. Zeit also, die nächsten Monate und Jahre zu nutzen, aus Merz‘ Fehlern zu lernen und einen eigenen Vorrat an Reformvorschlägen und Krisenantworten zurechtzulegen. Noch besser, wenn diese nicht schon lange abgelaufen sind.
AUSBLICK
Buch-Empfehlung: „Techno-Humanist Manifesto“ von Jason Crawford
Wie pessimistisch, fortschrittsfeindlich und technikverdrossen die deutsche Gegenwart ist, wird einem erst so richtig bewusst, wenn man die vernünftig-optimistischen Ideen von Jason Crawford daneben hält. In seinem Techno-Humanist Manifesto, das er vorab schon einmal auf seiner Website veröffentlicht hat, und das 2027 auch als Buch bei MIT Press erscheint, malt er das Bild einer neuen Weltanschauung. Für Deutsche völlig verblüffend hinterfragt er den Standard von Weiter So und Nachhaltigkeit zugunsten einer radikalen Offenheit und Neugier auf die Technologien der Zukunft. Im Fokus steht dabei nicht die Maschine selbst, sondern, eben humanistisch, der Mensch. Damit er seine Werte immer besser leben und verwirklichen könne, brauche es Fortschritt. Ein dringender Weckruf aus dem zukunftsverlassenen Schlaf der letzten Jahre.
WELTBEWEGER
Julian Simon
Wer Jason Crawfords Techno-Humanist Manifesto liest und sich fragt, woher dieser zähe Optimismus eigentlich stammt, der kommt an Julian Simon nicht vorbei. Geboren 1932 in Newark in den USA, war er zunächst Werbeforscher, später Wirtschaftswissenschaftler an der University of Maryland. In seinem Fach blieb Simon zeitlebens eher Außenseiter. The Ultimate Resource, 1981 erschienen, formulierte erstmals jene These, die für seine Zeitgenossen ungeheuerlich klang und die die Progress-Bewegung um Crawford und Patrick Collison heute neu entdeckt: Der Mensch ist keine Belastung der Erde, sondern ihre wichtigste Ressource. Mehr Menschen heißt mehr Ideen, mehr erkannte Probleme, mehr gefundene Lösungen. Knappheit ist kein Schicksal, sondern ein Preissignal, auf das Erfinder reagieren.
Berühmt wurde Simon erst durch jene zehnjährige Wette mit Paul Ehrlich, dem Verfasser von The Population Bomb: Bei fünf strategisch wichtigen Metallen, die nach Ehrlichs Modell knapp und teuer werden mussten, wettete er auf fallende Preise. Damit stand Simon allein gegen eine ganze Epoche. Während Ehrlich, der Club of Rome und eine Generation grüner Mahner den Untergang aus Bevölkerungswachstum prophezeiten, sammelte er Daten, die sie nicht sehen wollten, und konnte 1990 den Scheck seiner gewonnenen Wette einlösen.
Trotz aller Wirkung, die Simon mit seiner Wette auch öffentlich erzielen konnte: So viel weiter sind wir einige Jahrzehnte später nicht. Auch wenn wir keine Zwangssterilisationen mehr vornehmen, um vermeintliche Überbevölkerung zu verhindern: Den Menschen als Bereicherung für die Erde zu sehen, übersteigt die Vorstellungskraft von vielen. Gerade unsere Debatte über die richtige Antwort auf den Klimawandel könnte aus seinen Argumenten manches lernen.