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Jahresbericht – Wahlbeteiligung – Präsidentenmord – Sebastian Franck – Der Westen

Seit 2013 steigt die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen kontinuierlich an. Und bei jeder Wähleranalyse zeigt sich aufs Neue, wer besonders stark von den Stimmen derer profitiert, die bisher nicht den Weg zur Wahlurne gefunden hatten: die AfD. Für Freunde eines offenen und freiheitlichen Gemeinwesens ist es höchste Zeit, zu hinterfragen, ob sich die Qualität einer Demokratie an der Quantität der Partizipation bemessen lässt. Und: ob der Schutz der Freiheit bei den Wählenden am besten aufgehoben ist.

ANSICHT

Photo: conceptphoto.info, from Flickr (CC BY 2.0)

Hohe Wahlbeteiligung steigert nicht die freiheitliche Ordnung

Als mit den 1968er-Aufbrüchen hierzulande auch die fetischhafte Demokratievergötzung losging, wurde ein Grundstein gelegt für die Erfolge populistischer und freiheitsfeindlicher Parteien. Von Willy Brandts Kalenderspruch „mehr Demokratie wagen“ bis hin zur vorgeblichen Demokratisierung der Bildung (Schülerkonferenz, AStA und Co.) schwelgte die ganze Gesellschaft damals in der Vorstellung, dass Partizipation immer zu Emanzipation führen würde. Ausgerechnet in Deutschland, wo – anders als in Italien oder Spanien – die Faschisten vor allem durch ihre Wahlerfolge an die Macht kamen, schienen – ausgerechnet – die 1968er nicht aus der Geschichte gelernt zu haben. Und heute haben sie (und wir) den Salat.

Jahrzehnte lang wurde die sinkende Wahlbeteiligung in Deutschland beklagt. Vor jeder Wahl erscholl die rituelle Beschwörung der demokratischen Mitbestimmungsrechte von allen Seiten des politischen Spektrums, und die inständige Bitte, der nächsten Regierung durch rege Beteiligung an der Wahl Legitimität zu verleihen. Diese Stimmen haben Gehör gefunden: seit 2013 steigt die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen kontinuierlich an – von 70,8 Prozent 2009 auf 82,5 Prozent 2025. Auch bei Landtagswahlen, vor allem in ostdeutschen Bundesländern, gibt es einen ähnlichen Trend.

Und bei jeder Wähleranalyse zeigt sich aufs Neue, wer besonders stark von den Stimmen derer profitiert, die bisher nicht den Weg zur Wahlurne gefunden hatten: die AfD. Bei der letzten Bundestagswahl waren das 1,8 Millionen; also 3,6 Prozent. Auch bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz konnte sich die AfD am stärksten auf das bisherige Nichtwähler-Lager verlassen.

Natürlich ist es das gute Recht jeder Bürgerin und jedes Bürgers, ihre Stimme abzugeben, und die Bundesrepublik ist kein autoritärer Staat, wo man es unliebsamen Wählenden schwer macht, ihre Stimmen abzugeben. Aber es wäre doch für Freunde eines offenen und freiheitlichen Gemeinwesens zumindest mal an der Zeit, zu hinterfragen, ob sich die Qualität einer Demokratie wirklich an der Quantität der Partizipation bemessen lässt. Und: ob der Schutz der Freiheit bei den Wählenden am besten aufgehoben ist.

AUSBLICK

Photo: Netflix

Serien-Empfehlung: „Death by Lightning”

Freunden des vielschichtigen Historiendramas sei die Miniserie „Death by Lightning“ wärmstens ans Herz gelegt. Sie zeichnet den überraschenden Weg des Kompromisskandidaten und Provinzpolitikers James A. Garfield (1831-1881) in das amerikanische Präsidentenamt. Parallel dazu wird die Geschichte von Charles Guiteau erzählt, einer verlorenen Seele, die sich zu Höherem berufen fühlt, aber als Sonderling wahrgenommen wird und immer wieder scheitert. In die Geschichtsbücher findet er dennoch Eingang, weil er Präsident Garfield wenige Monate nach dessen Wahl erschießt. Die Lebenswege der beiden Männer in den Monaten hin zum Attentat werden meisterhaft ineinander verwoben, und klug und spannend zum dramatischen Höhepunkt geführt. Nebenbei erfährt man noch allerlei über die zutiefst korrupte Politik in der Nach-Bürgerkriegszeit der USA. Absolut herausragend ist die Leistung der beiden Hauptdarsteller Michael Shannon und Matthew Macfadyen.

WELTBEWEGER

Photo: Wikipedia (Creative Commons)

Sebastian Franck

Wenn man an Reformation denkt, kommt den meisten Luther in den Kopf – ein paar besonders historisch Interessierte verbinden damit vielleicht noch Namen wie Calvin, Zwingli und Melanchton. Dabei war die Gruppe der Protagonisten, die die Stimmung des Wandels aufgriffen und mitprägten, deutlich bunter, vielfältiger und übrigens auch moderner und ungleich sympathischer als diese entweder konservativen (Luther) oder fundamentalistischen (Calvin) Herren.

Eine herausragende Persönlichkeit jener Zeit war der nordschwäbische Publizist Sebastian Franck (1499-1542). Der autoritätskritische Idealist war den weltlichen und geistlichen Autoritäten ein Dorn im Auge, wo auch immer er sich gerade aufhielt. Er fand kaum Unterstützung oder Sympathie für seine Ansichten, die heute fast durchgängig akzeptiert sind – in den verschiedenen Kirchen wie auch in der gesamten Gesellschaft. So postulierte er etwa, dass selbstverständlich auch „Türken und Heiden“ ein rechtes und gottgefälliges Leben führen könnten – eine Vorstellung, die die wenigsten damals auch nur ihren Mit-Christen in einer anderen Konfession einräumen wollten. Franck war tatsächlich ein Vorreiter der Aufklärung, weil er sich gegen das strukturell konservative Verständnis von Luther wandte, allein die Bibel sei eine Quelle der Offenbarung. Im Gegenteil: Für Franck spielte das „innere Wort“ des Menschen, also sein Gewissen und seine Vernunft, die wesentliche Rolle bei der immer besseren Erkenntnis des Glaubens. Entsprechend wandte er sich auch vehement gegen jegliches Wahrheitsmonopol. Aus seiner Sicht war absolute Gewissensfreiheit unumgänglich, weil sie allein garantierte, dass keine Autorität den Fortschritt der Erkenntnis hemmen konnte und es zu einem echten Wettbewerb der Ideen kommt. Francks Welt- und Menschenbild war so anti-autoritär und pluralistisch, wie unsere Gesellschaft erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde.

Mitstreiter

Photo: Youtube

Gespräch zu „Der Westen sind jetzt wir“

Eine sehr kluge Runde fand sich am 18. März bei den Kollegen vom Zentrum Liberale Moderne zusammen: Die Sicherheitsexpertin Jana Puglierin und die Bundestagsabgeordnete Agnieszka Brugger sprachen mit dem Zeit-Redakteur Jörg Lau über dessen aktuelles Buch „Der Westen sind jetzt wir“. Wer transatlantischen Geist in seinem aktuellen Gewand erleben möchte, findet ihn in der Aufzeichnung dieser Veranstaltung.

Heimat der Freiheit

Photo: Prometheus - Heimat der Freiheit

Unser Jahresbericht

Wenn der Frühling in die Natur Einzug hält, geht auch immer unser neuester Jahresbericht raus. Schauen Sie doch mal rein und lassen Sie das vergangene Jahr mit uns kondensiert Revue passieren. An dieser Stelle auch ein ganz besonders herzlicher Dank an die unter Ihnen, die uns zum Teil schon über ein Jahrzehnt großherzig und freundschaftlich unterstützen: als Spender, Fackelträger, Referenten, Alumni und Freunde unseres Hauses!