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Lebendige Kneipen – The Viennese Students of Civilization – Alin Ușeriu – Steuerzahler-Schwarzbuch

Ein Dorf an der Ostsee kauft sich mit Geld aus dem Sondervermögen eine Kneipe – und die Empörung lässt nicht lange auf sich warten. Doch wer hier nur auf leere Kassen und die Bereinigung durch den Markt verweist, macht es sich zu leicht. Wenn Kneipen und Läden verschwinden und junge Menschen abwandern, braucht es mehr als ein Schulterzucken. Liberale sollten nicht nur fragen, was der Staat falsch macht, sondern auch, wie lebendige Gemeinschaften entstehen.

ANSICHT

Eck- und Kiezkneipe „Zur Bierpause“ in Berlin-Kreuzberg
Photo: JoachimKohler-HB, from Wikimedia (CC BY-SA 4.0)

Die Kneipe soll leben!

Das Dorf Strande bei Kiel kauft sich eine eigene Kneipe. Zugegeben, das ist es nicht, was mich bewegt. Wer von der Geschichte gehört hat, weiß, dass die 1,2 Millionen Euro dafür zur Hälfte aus dem Sondervermögen stammen und sich die gut 1.400 Einwohner erlauben möchten, damit das insolvente Strandbistro „Stranders“ zu retten. Jetzt wäre es ein Leichtes, sich als Liberaler über diesen verantwortungslosen Umgang mit Geld aufzuregen, das eigentlich für Schulen und Straßen gedacht ist. Man könnte sich über den Plan beschweren, ein Unternehmen zu retten, das im Marktprozess als unzureichend ausgesiebt wurde. Man könnte sich ärgern über kommunale Schuldenaufnahme in einer angespannten Haushaltslage. Und womöglich könnte man noch abfällig über die Ästhetik des in Schwarz, Weiß und Grau gehaltenen Restaurants urteilen. Doch ehrlich gesagt wäre mir das zu blöd. Ich würde es mir auch zu einfach machen.

Wer hier nur reflexhaft Kritik an unausgeglichenen Kassen übt, ist kaum mehr als ein Buchhalter. Wer nur auf die effiziente Bereinigung durch den Markt verweist, ist immerhin ein Kapitalist. Ein Liberaler muss in meinen Augen aber weiterdenken. Wir müssen dem Verschwinden des Einzelhandels, dem Kneipensterben und der daraus resultierenden Abwanderung von jungen talentierten Menschen mehr entgegensetzen als ein Schulterzucken und ein „das regelt der Markt“. Wir brauchen soziale Begegnungspunkte in Dörfern und Gemeinschaften, in denen es sich lohnt, zu bleiben.

Etwas Wahres ist natürlich dran an der Kritik, die ich hier lapidar als „blöd“ abtue. Schulden aufzunehmen und Geld aus einem ohnehin fragwürdigen Sondervermögen dann auch noch fragwürdig einzusetzen, kann ebenso wenig die liberale Antwort sein. Eine Genossenschaft wäre sicher eine sympathischere Lösung. Nur geht es darum nicht in den kurzen Artikeln, die auf schnelle Empörung in der Kommentarspalte abzielen und nächste Woche längst wieder gänzlich in Vergessenheit geraten sind.

AUSBLICK

Cover von „The Viennese Students of Civilization“ von Erwin Dekker
Photo from Amazon

Buchempfehlung: „The Viennese Students of Civilization“ von Erwin Dekker

Viele Promotionsarbeiten wandern gänzlich ungelesen ins Regal und geraten dort in selige Vergessenheit. Die Doktormutter hat sie gelesen, klar. Vielleicht bemüht sich noch ein Elternteil, ein paar Abschnitte zu lesen, um glaubhafter behaupten zu können, man habe reingeschaut. Für „The Viennese Students of Civilization“ von Erwin Dekker gilt das nicht. Erwin war bei unserem Forum „Virescit“ Anfang des Monats dabei, und sein Buch wurde dort so oft zitiert, dass mir irgendwann nichts anderes übrigblieb, als es wieder aus dem Regal zu ziehen.

Seine Doktorarbeit ist keine systematisch-langweilige Abarbeitung der relevanten Literatur. Er taucht in das Wien der Zwischenkriegszeit ein, in dem sich die Denker der Österreichischen Schule des Niedergangs ihrer Zivilisation erwehren – nicht als Wissenschaftler in ihren Elfenbeintürmen, sondern als interdisziplinär gebildete Studenten, die in den Kaffeehäusern Wiens diskutierten und stritten. Wer sich als „Student of Civilization“ versteht, schaut über seinen Tellerrand auf die Komplexitäten der Welt, die uns umgibt; auf Philosophie, Kultur und Moral. Er macht sich immer wieder bewusst, was sich nicht designen lässt, und worauf wir nur sehr eingeschränkt Einfluss haben.

Um das Buch noch schmackhafter zu machen: Ihr müsst nicht zu tief vordringen, um Dekkers vielseitige Deutung des Gemäldes auf dem Cover zu finden. Seine Interpretation von Carel Willinks „Late Visitors to Pompeii“ ist gerade wieder ebenso treffend wie in der Zwischenkriegszeit. Die Erasmus-Universität Rotterdam ermöglicht übrigens kostenfrei den Zugang zu einer digitalen Version der Schrift.

WELTBEWEGER

Alin Ușeriu
Photo from HotNews.ro

Alin Ușeriu

Ich will hier nicht als Zyniker dastehen, nachdem mein erster Abschnitt eher auf einer negativen Note endete. Auch bei dieser Art von Problemen gibt es sie: die Leute mit der zündenden Idee, die anpacken, das Problem lösen und die Welt verbessern. Der Rumäne Alin Ușeriu sah sich dem Dahinsiechen der rumänischen Dörfer gegenüber. Zehn Jahre verbrachte er in Deutschland, und laut eigener Aussage las er in dieser Zeit kein einziges Mal etwas Positives über sein Land. Als er zurückkehrte, rief er mit seinem Verein Tășuleasa Social und seinem Bruder die Via Transilvanica ins Leben, einen 1.400 Kilometer langen Wanderweg. Der Weg führt durch mehr als 400 rumänische Dörfer, die seither wieder aufleben. Heute bewirten und beherbergen Hunderte Dorfbewohner die Wanderer, Pensionen machen auf, und manche, die gegangen waren, kommen zurück. Kein Zwang, keine Subventionen, keine Dörfer, die künstlich am Tropf des Staates überleben – nur ein Mann, der genug davon hatte, ständig nur Negatives über sein Land zu lesen.

MITSTREITER

Schwarzbuch 2026/27 des Bunds der Steuerzahler
Photo from Bund der Steuerzahler

Neues Schwarzbuch vom Bund der Steuerzahler

Der Bund der Steuerzahler Deutschland e.V. präsentiert auch in diesem Jahr wieder 100 Fälle der öffentlichen Verschwendung von Steuergeldern in seinem „Schwarzbuch“. Ganz im Sinne des ersten Abschnitts dieses Newsletters möchte ich dazu anregen, bei der Lektüre lieber zu lachen und sich nicht zu sehr aufzuregen, wenn man vom Deutschen Tapetenmuseum in Kassel und schiefen Bänken in Hamburg liest.