Wahlfreiheit durch Zwang – Goodbye Deutschland – Antonio de Montesinos – Generation Debts
- by Josef
Klingbeils Eckpunkte zum Bezahlen im Alltag versprechen Wahlfreiheit und liefern Kontrahierungszwang: Der Kunde soll wählen dürfen, weil der Betrieb es muss. Solange der Staat vorschreibt, welches Geld angenommen werden muss, behandelt er den Vertrag zweier Privater als seine Angelegenheit. Das ist Bevormundung.
ANSICHT
Wahlfreiheit durch Zwang
Ein Kaufvertrag kommt zustande, weil zwei Seiten sich einig werden. Dies gilt auch beim Bezahlen. Wer die Art der Abwicklung per Gesetz verordnet, greift in den Kern der Vertragsfreiheit ein. Genau das tun die Pläne von Lars Klingbeil, die den Titel „Eckpunkte für Wahlfreiheit beim Bezahlen im Alltag” tragen und jeden Bäcker, Gastwirt und Handwerker verpflichten, mindestens ein digitales Bezahlverfahren anzunehmen. Der Kunde soll wählen dürfen, weil der Betrieb es muss, und damit wird aus der Freiheit des einen der Kontrahierungszwang des anderen. Doch der Wirt, der Hofladen und der Marktbeschicker schulden niemandem eine Begründung dafür, dass sie ihr Angebot so zuschneiden, wie sie es für richtig halten, und wem die Bedingungen nicht passen, der kauft anderswo.
Die Eingriffstiefe verrät das Papier selbst, denn die Annahme digitaler Zahlungen soll weder von Umsatzgrenzen noch von einem Zusatzentgelt abhängig gemacht werden dürfen, so dass nicht nur das Verfahren vorgeschrieben wird, sondern auch, wer die Kosten trägt. Untersagt werden soll überdies, die Annahme digitaler Zahlungsmittel durch Vereinbarungen mit den Kunden auszuschließen, insbesondere durch Schilder mit der Aufschrift „Nur Barzahlung möglich”. Verboten wird also eine Abrede, die beide Seiten kennen, bevor sie den Vertrag schließen. Und wer ein solches Schild sieht und trotzdem eintritt, ist niemandem ausgeliefert, sondern hat sich entschieden. Über Schilder mit der Aufschrift „Nur Kartenzahlung” findet sich dagegen kein Wort, obwohl dort das gesetzliche Zahlungsmittel abgewiesen wird. Diese Einseitigkeit ist kein Versehen. Die umfassende Einbeziehung aller Unternehmen liege auch im Sinne einer effektiven Bekämpfung von Steuerhinterziehung, Geldwäsche und sonstiger Finanzkriminalität, heißt es in einem Nebensatz, und damit wird der Vertrag zwischen zwei Privaten zum Datenlieferanten umgebaut. Niemand schuldet dem Staat Rechenschaft darüber, wofür er sein eigenes Geld ausgibt, und Bargeld ist der in Münzen geschlagene Teil unserer Freiheit, weil es die einzige Zahlung ist, die nur die beiden Vertragsparteien etwas angeht.
Der Zwang zur Karte ist dabei erst die Vorstufe, denn mindestens ein europäisches Verfahren muss künftig jeder akzeptieren, und zugleich wirbt die Bundesregierung für die schnellstmögliche Einführung des digitalen Euro. Zuerst bauen die Betriebe auf eigene Rechnung ein flächendeckendes Netz von Akzeptanzstellen auf, danach zieht das Zentralbankgeld dort ein, und die Annahmepflicht, die heute der Karte gilt, gilt morgen ihm. Dieses Geld ist dann weder Bargeld noch Buchgeld, sondern Notenbankgeld für jedermann. Die Volks- und Raiffeisenbanken haben mit Recht darauf hingewiesen, dass selbst bei einer Obergrenze von 3.000 Euro je Konto nur noch 56 von 700 Instituten ihre Liquiditätspuffer halten könnten. Der digitale Euro schafft die Grundlage für eine neue Bankenkrise. Und dass die EZB eine Programmierbarkeit heute ausschließt, bindet niemanden, der in zehn Jahren entscheidet. Auch Negativzinsen, die bisher daran scheiterten, dass Bargeld gebunkert wird, ließen sich auf einem Wallet der Notenbank ohne weiteres durchsetzen.
Richtig wäre der umgekehrte Weg. Man sollte das Institut des gesetzlichen Zahlungsmittels samt Annahmezwang abschaffen und es den Vertragsparteien überlassen, worauf sie sich einigen. Dies gilt auch gegenüber dem Finanzamt, dem man seine Steuern ebenso gut in Bitcoin entrichten könnte. Wer bar zahlen will, findet den Händler, der bar annimmt, und wer die Karte bevorzugt, findet den Händler, der sie akzeptiert, ohne dass dafür ein einziger Paragraph nötig wäre. Ein Staat, der stattdessen vorschreibt, welches Geld angenommen werden muss und welche Abrede verboten ist, behandelt den Vertrag als seine Angelegenheit und die Bürger als seine Untergebenen.
AUSBLICK
Buchempfehlung: „Goodbye Deutschland" von Alexander Steffen
Über Migration wird in Deutschland seit 2015 gestritten, als gäbe es nur eine Richtung: Wer kommt, wer darf bleiben, wer muss gehen? Dass jedes Jahr über eine Viertelmillion Deutsche das Land verlassen, viele davon jung und gut ausgebildet, taucht in dieser Debatte kaum auf. Alexander Steffen hat darüber ein Buch geschrieben, und er dreht die Blickrichtung um.
Ihn interessiert weniger Herkunft oder Pass als die Frage, ob jemand in diesem Land etwas aufbauen möchte. Dafür hat er mit jungen Leuten gesprochen, die gegangen sind, und er hat nachgerechnet. Heraus kommt das Bild eines Landes, das es seinen Leistungsträgern mit hohen Abgaben und viel Bevormundung schwer macht und sich dann wundert, wenn sie die Koffer packen.
Bemerkenswert ist, wie das Buch endet. Es ist kein Abschiedsbrief. Steffen bleibt, und er begründet das im Schlusskapitel sehr persönlich. Sein Vater floh aus einem Land, das seine Freiheit verloren hatte. Er selbst ist in der deutschen Freiheit aufgewachsen, hält sie aber für nichts Selbstverständliches. Wer gut ausgebildet und mobil sei, habe überall eine Tür offen. Genau deshalb sei das Bleiben eine echte Entscheidung und keine Bequemlichkeit.
WELTBEWEGER
Antonio de Montesinos
Im Dezember 1511 predigte auf Hispaniola ein Dominikanerbruder gegen die Kolonialherren der Insel, und in der Kirche saßen genau jene spanischen Beamten und Grundbesitzer, die er meinte. Antonio de Montesinos (1475-1540) hielt ihnen vor, dass sie im Stand der Todsünde lebten, und fragte, mit welchem Recht sie die Ureinwohner in Sklaverei hielten und mit welcher Autorität sie Krieg gegen Menschen führten, die friedlich auf ihrem eigenen Land wohnten: Sind sie keine Menschen, haben sie keine Vernunft und keine Seele?
Die kleine Dominikanergemeinschaft der Insel hatte diese Predigt gemeinsam beschlossen und ihn damit beauftragt, und als der Protest heftig ausfiel und Diego Kolumbus einen Widerruf verlangte, schickten ihn die Brüder am folgenden Sonntag erneut auf die Kanzel, wo er jede Anklage der Vorwoche noch einmal aufnahm, und zum Schluss ankündigte, kein Bruder werde den Kolonialbeamten mehr die Beichte abnehmen, solange sie ihr Verhalten nicht änderten.
Die Sache ging bis an den Hof, wohin Montesinos selbst reiste, und der Franziskaner, der dort gegen ihn auftreten sollte, ließ sich von ihm überzeugen. König Ferdinand berief daraufhin Theologen und Juristen ein, aus deren Beratungen die Gesetze von Burgos 1512 und Valladolid 1513 hervorgingen. In der Praxis blieb davon vieles folgenlos, weil die Entfernung zwischen Krone und Kolonie zu groß war, aber die Debatte war eröffnet und ließ sich nicht mehr schließen: Bartolomé de Las Casas führte sie ein halbes Jahrhundert lang weiter, und Francisco de Vitoria legte in Salamanca aus derselben Auseinandersetzung heraus die Grundlagen des Völkerrechts.
Zwei Predigten, gehalten von einem Mann ohne Amt und ohne Macht, haben die Frage in die Welt gesetzt, mit welchem Recht die Stärkeren über die Schwächeren verfügen. Gestellt wird sie bis heute, meist von Einzelnen, die dafür etwas riskieren. Am 25. September ist das College Freedom Forum der Human Rights Foundation zum ersten Mal in Europa zu Gast: in Berlin, in Zusammenarbeit mit uns und einen Tag vor dem Open Summit von Prometheus. Dort sprechen Aktivisten und Dissidenten aus aller Welt, die diese Frage heute wieder stellen. Für Interessierte ist die Anmeldung noch möglich.
HEIMAT DER FREIHEIT
FAZ-Rezension zu „Generation Debts"
Kürzlich hat die FAZ mein Buch „Generation Debts” besprochen. Jan Schnellenbach hat die Rezension geschrieben. Sie ist am 31. August unter der Überschrift „Ein Land lebt auf Pump” erschienen.
Er trifft den Kern: Die Schulden von heute finanzieren überwiegend Konsum, nicht Investitionen, und die steigenden Zinslasten verengen die Spielräume künftiger Haushalte zusätzlich. Ebenso schwer wiegt das über Jahrzehnte gewachsene Netz aus Markteingriffen und Umverteilungssystemen, das sich wegen verkeilter Interessengruppen kaum noch reformieren lässt.
Nicht alles findet seine Zustimmung: Meine Perspektive auf Bitcoin sei zu unkritisch. Darüber lässt sich streiten. Genau dafür ist das Buch geschrieben.