Randalierer – Tom Palmer beim Open Summit – Astrid Lindgren – Deniz Yücel und Frédéric Schwilden bei based.
- by Josef
Ein abgebranntes Rathaus, geplünderte Geschäfte: Die Krawalle vom 17. Oktober haben in Frankreich, Italien und Belgien Spuren der Verwüstung hinterlassen. Politisch dürften die Proteste wohl folgenlos bleiben – aber für die Menschen, deren Existenzen zerstört wurden, sind sie alles andere als folgenlos. Die Rechnung darf daher am Ende nicht bei Ladenbesitzern, Polizistinnen und Steuerzahlern liegen bleiben.
ANSICHT
Wer randaliert, muss bezahlen
Die Bilder des in Limoges letzte Woche abgebrannten Rathauses sind eindrücklich. Gebaut worden war es in den 1870er Jahren aus dem Erbe eines reichen Kaufmanns, der mit dem klassischen Bürgersinn des 19. Jahrhunderts sein Vermögen der Stadt hinterlassen hatte. Allein bei den Protesten am 17. Oktober sollen zwischen 1500 und 3000 Geschäfte in Frankreich zerstört und geplündert worden sein; in Paris, Marseille, Lyon, Toulouse, Grenoble und vielen anderen Städten. Am selben Tag rollte eine Welle der Zerstörung durch die Innenstadt von Mailand. Und auch Brüssel und Lüttich waren mit massiven Gewaltausbrüchen konfrontiert.
Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Proteste zu einer Bewegung ausweiten, wie etwa 1968, oder relativ konsequenzlos abebben, wie etwa die massiven Unruhen in den Banlieues 2005 oder die G20-Proteste in Hamburg. Für ideologische Unterstützer und Gegner des Narrativs der derzeitigen Proteste, also für Leute wie Mélenchon und Weidel, bietet es sich an, sie in ihrer Bedeutung aufzublasen. Die Geschichte von Protesten in Europa in den letzten Jahrzehnten legt eher nahe, dass sie relativ folgenlos bleiben dürften.
– Außer natürlich für die Menschen, die hier verletzt und attackiert wurden, deren Geschäfte geplündert und Lebensprojekte zerstört wurden. Unabhängig von den tatsächlichen Absichten der Protestierenden und unabhängig von der Frage, wie viele, wie tiefgehende Überzeugungen (oder ob überhaupt) sie haben, werden die Proteste von einer begleitenden politischen und medialen Blase ja inhaltlich aufgeladen. Es wird so dargestellt (und vielleicht fühlt es sich auch für viele auf der Straße so an), als ob man einen Kampf gegen Ungerechtigkeit führen würde. In den Köpfen – oder eher den wütenden Bäuchen – der Protestierer mag es gegen ein abstraktes System gehen, deren konkrete Opfer sie und ihre Freunde und Mitstreiter sind. In der Realität sieht es anders aus: Da werden sie selber zu Tätern, deren Zerstörungswut und Aggression sich gegen Eigentum und Existenz, Leib und Leben von Polizistinnen, Kaufleuten und ihren Mitbürgern richtet. Für Schaden und Verlust, ob privat oder öffentlich, stehen eben nicht der ausbeuterische Kapitalismus als solcher ein oder die Politiker und Konzernbosse, die Urheber von Ungerechtigkeiten sein sollen. Für Schaden und Verlust stehen Menschen ein, die sich etwas aufgebaut haben, die einer Stadt Leben eingehaucht haben, und auch alle Steuerzahler: Die Rechnung geht an die pensionierte Oma, den Vater von sechs Kindern, den Kassierer vom Laden um die Ecke und die Kindergärtnerin, die vor 20 Jahren auch diejenigen nach dem Spielen im Schlamm wieder saubergemacht hat, die heute Autos anzünden.
Eine der ersten Reaktionen der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni war die Ankündigung, die Randalierer in Mailand schnell und unbürokratisch zur Verantwortung zu ziehen. In einer Videobotschaft am 20. Oktober sagte sie: „Wir wenden ein einfaches Prinzip an: wer etwas zerstört, bezahlt (‚chi rompe paga‘), und wenn derjenige, der etwas zerstört, noch minderjährig ist, zahlen dessen Eltern.“ Das ändert nichts an der Trauer und Bestürzung, die entsteht, wenn einem das eigene Geschäft oder der eigene Arbeitsplatz zerstört wird, es ändert nichts an den Schmerzen und Traumata der Polizisten, an den Mühen der Stadtreinigung und der Bürgerinnen in der Umgebung. Aber es kann dazu beitragen, dass zumindest die Kosten nicht den Opfern oder den Steuerzahlern aufgebürdet werden. Und es bricht mit der entmenschlichenden Klassenkampf-Logik von „wir gegen das System“ oder „wir gegen die“, indem es wieder klar macht, dass hier ein Mensch einem oder mehreren anderen Menschen Schaden zufügt.
AUSBLICK
Empfehlung: Tom Palmers Rede bei unserem Open Summit
Den Abschluss unseres Open Summit bildet traditionell der „Toast auf die Freiheit“: eine Rede, die den Teilnehmern vor Augen führen soll, warum die Freiheit so viel Einsatz wert ist und warum dieser Einsatz einen so glücklich machen kann. In diesem Jahr durften wir zu diesem Anlass Tom Palmer bei uns begrüßen, einen der wahrscheinlich wichtigsten und verdienstvollsten Aktivisten für den Liberalismus in den letzten 50 Jahren. Man kann sicher sagen, dass niemand weltweit so viele unterschiedliche Personen, Projekte und Bewegungen kennengelernt und begleitet hat wie er. Und zugleich wird man kaum jemanden finden, der sich so intensiv mit den Feinden der Freiheit wie mit den geistigen Grundlagen des Liberalismus auseinandergesetzt hat.
Die Ansprache, die er für uns gehalten hat, ist ein Dokument seines aktivistischen und intellektuellen Einsatzes. Nachdrückliche Leseempfehlung! Auf wirklich herzerwärmende Art und Weise skizziert er, wie sehr die Haltung der Liberalen geprägt ist von ihrer Vorstellungskraft und ihrem ungebrochenen Optimismus, die Türen aufstoßen zu können, die gerade noch verschlossen scheinen: „We can succeed if we choose to be happy warriors for freedom, if we imagine a freer and more prosperous and more peaceful future, if we imagine how our forebears would think of us, if we imagine how those who come after will appraise us, if we imagine how to replace defeat by success and violence by peaceful exchange. If we treat every contestation not as a chance to destroy a rival, but as an opportunity to make friends for liberty.“
WELTBEWEGER
Astrid Lindgren
Ein erheblicher Teil der heute lebenden Menschen wird in ihrem Heranwachsen Astrid Lindgren (1907-2002) begegnet und mitunter auch deutlich von ihr geprägt worden sein. Seit Mitte der 1940er Jahre geistern Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist sowie die Kinder aus Bullerbü durch Kinderzimmer, in den Jahrzehnten danach noch ergänzt durch Karlsson vom Dach, Michel von Lönneberga, Madita, die Brüder Löwenherz, Ronja Räubertochter und viele mehr. Lindgren prägte das Selbstverständnis von Kindern ebenso wie deren Wahrnehmung durch ihre Eltern, die ihnen diese Bücher ja oft vorlasen – oder sich aus ihnen erzählen ließen. Kinder waren in ihren Erzählungen eigenständige, verantwortungsfähige und kreative Persönlichkeiten; vollwertige Menschen, denen man etwas zutrauen kann und soll. Den kulturellen Wandel weg von Gewalt gegen Kinder und hin zu einer respektvollen und wertschätzenden Art im Umgang hat Lindgren mit ihren Büchern maßgeblich, ja einzigartig geprägt und angebahnt. Der Einfluss dieses Wandels auf das individuelle und gesellschaftliche Leben von Menschen im Erwachsenenalter dürfte kaum zu überschätzen sein. Lindgren ist eine zentrale und buchstäblich Grund legende Architektin einer freundlicheren und selbstsichereren Welt.
Eine für Liberale erheiternde Anekdote dürfte sich um ihr Märchen „Pomperipossa in Monismanien“ herum entspinnen, mit dem sie im Jahr 1976 wesentlich dazu beitrug, die 40 Jahre währende Dominanz der schwedischen Sozialdemokraten zu brechen. Obwohl Lindgren selbst Sozialdemokratin war, fürchtete sie ein Abgleiten Schwedens in ein autokratisches System. Anlass für das Märchen war eine steuerpolitische Maßnahme der Regierung, die dazu geführt hatte, dass eine selbständige Schriftstellerin wie Lindgren einem Grenzsteuersatz von 102 Prozent unterlag. In ihrem Märchen von Pomperipossa finden sich so sarkastische Stellen wie dieses Gedicht eines bedeutenden monismanischen Dichters:
Die Gesellschaft kann es nicht dulden, dass du Werte schaffst;
du bist verpflichtet, dich am Unsinn der Bürokraten zu beteiligen.
Du musst Castro dabei helfen, Krieg in Angola zu führen,
oder andernfalls in einem Altersheim sitzen und dich einer Therapie unterziehen.
Dass jemand wie Lindgren ihrem Unmut auf solche Weise öffentlich Luft machte, verfehlte die Wirkung nicht, brach die sozialdemokratische Hegemonie und führte bei diesen in der Folge auch zu umfassenden Reformen.
MITSTREITER
Deniz Yücel und Frédéric Schwilden beim based. Live-Podcast
Zum zweiten Mal konnten wir beim Open Summit mit unseren lieben Freunden von based. zusammen einen Live-Podcast ermöglichen. Dieses Jahr hatten Dominik und Benni gleich zwei Gäste auf dem Podium sitzen: Mit Deniz Yücel und Frédéric Schwilden sprachen sie über deren Erfahrungen, mit unterschiedlichsten Menschen in unserem Land ins Gespräch zu kommen und zu bleiben. Was lässt sich erreichen im Austausch mit Menschen, die derzeit oder auch generell Extrempositionen zuneigen? Yücel und Schwilden haben jedenfalls keine Scheu, und ihre Berichte sind so unterhaltsam wie lehrreich.